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10.10.2018 07:07

«Fahrtüchtig» bis zum Unfall?

Alle zwei Jahre müssen Autofahrer ab 70 Jahren (ab 2019 ab 75 Jahren) zum Medizin-Check. Dieser aber wirft bei einer 77-jährigen Leserin der «Winterthurer Zeitung» Fragen auf.

Winterthur «Ich bin doch nicht blöd», sagt Marta B.* und erzählt davon, noch vor Jahresende und vor ihrem 78-zigsten Geburtstag zum wiederholten Mal zum medizinischen Test beim Hausarzt antreten und wie stets davor dieselben banalen Fragen beantworten zu müssen. Einen «Idiotentest» nennt sie etwa die immer selben Wörter, die sie dem Arzt nachsprechen muss: «Zitrone, Schlüssel Ball». Sie müsse zudem dem Doktor jedes Mal angeben, auf welcher Etage sie sich gerade befinde, welcher Wochentag heute sei oder müsse Kreise mit aufsteigenden Zahlen in der richtigen Reihenfolge miteinander verbinde.

Für viele ein erniedrigender Test

Einerseits empfinde sie diesen Test schon als etwas erniedrigend und komme sich als «Dubeli» behandelt vor, sagt sie, gleichzeitig empfinde sie das Schlupfloch, auch weiterhin Auto fahren zu können, immens gross: «Dass dazu noch der eigene Hausarzt gewählt werden kann, zu dem auch viele andere Bekannte in meinem Alter teils ein freundschaftliches Verhältnis haben, lässt mich den Sinn eines solchen Tests schon etwas hinterfragen.» Marta B. erzählt von einem 90-jährigen Bekannten, der sie vor kurzem ein Stück mitgenommen habe und zu dem sie jederzeit wieder in das Auto sitzen würde, aber auch von anderen etwas jüngeren Lenkern, die aus ihrer Sicht nicht mehr auf die Strasse sollten, die individuelle Mobilität aber nicht aufgeben möchten oder gewisse Altersschwächen einfach ignorierten. «Dafür müsste der Test da sein – den Fitten das Autofahren weiterhin ermöglichen und jene, die ein Risiko im Strassenverkehr darstellen und vor allem andere, schwächere Teilnehmer gefährden können, zumindest eingehender unter die Lupe nehmen», sagt Marta. B. noch.

Für eine solche tiefergehende Abklärung ist unter anderen Benjamin Graber, vom IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) zuständig.

ZHAW: Psychologische Abklärung

«Wir sind eine psychologische Abklärungsstelle. Das heisst, wir überprüfen die kognitive Leistungsfähigkeit von Personen, bei denen der Verdacht einer Überforderung im Strassenverkehr besteht», sagt Graber. Sein Institut ist ein Kompetenzzentrum für Diagnostik, unter anderem mit einem besonderen Fokus auf die Risikobeurteilung im Zusammenhang mit menschlichen Faktoren. «Ein Teil der Senioren, die uns zur Abklärung der Fahreignung zugewiesen werden, wurden durch

eine unsichere Fahrweise, Verkehrsregelverletzungen und im schlimmsten Fall durch Unfälle auffällig. «Oftmals ergibt sich der Verdacht auf relevante Leistungsdefizite jedoch auch anlässlich einer verkehrsmedizinischen Abklärung, woraufhin die Personen einer vertieften Untersuchung bei uns zugewiesen werden», sagt Graber und gibt auch gleich die Antwort auf die Frage, warum der Hausarzt im Falle von Marta B. die Fahrtüchtigkeit testen darf: «Für Verkehrsmediziner gibt es vier Anerkennungsstufen. Je höher die Stufe, auf der sich ein Arzt befindet, umso komplexere Fälle darf ein Arzt abklären. Dementsprechend wird für höhere Stufen auch mehr Weiterbildung verlangt. Die periodische Kontrolluntersuchung für Senioren darf von Ärzten der Anerkennungsstufe 1. durchgeführt werden. Wenn Frau B.s Hausarzt über die entsprechende Ausbildung verfügt, darf er auch die Untersuchung durchführen. Das Stufensystem ist zudem neu. Bis Ende 2017 galt noch eine Übergangsfrist.»

Beuurteilung nicht immer einfach

Die Frage nach dem eigentlichen Problem, dass immer wieder Fälle von gravierenden Verkehrsunfällen durch überforderte Senioren auftreten, führt Graber nicht auf eine zu lasche Prüfung der breiten Masse der über 70-Jährigen durch die Ärzte zurück. «Gemäss meiner Erfahrung sind sich die Ärzte ihre Verantwortung bei der Beurteilung der Fahreignung sehr wohl bewusst und nehmen sie ernst. Frau B. darf sich glücklich schätzen, dass ihr die eingangs genannten Screening-Tests zu einfach vorkommen. Wäre sie nicht mehr in der Lage, diese ausreichend gut zu lösen, würde das auf eine mögliche Erkrankung des Gehirns hinweisen, beispielsweise eine Demenz, die nicht mehr mit dem Fahren vereinbar wäre. Dies müsste in der Folge an einer spezialisierten Fachstelle eingehend abgeklärt werden. Aber nicht immer sind Erkrankungen entscheidend. Auch bei einem normal fortschreitenden Alterungsprozess reichen die kognitiven Leistungsfähigkeiten irgendwann nicht mehr aus, um noch sicher am Strassenverkehr teilnehmen zu können. Beispielsweise Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit verschlechtern sich auf Dauer zunehmend.

Im Zweifel vertiefte Abklärung

Gerade im Grenzbereich zwischen noch geeignet und nicht mehr geeignet ist die Beurteilung aber nicht immer einfach. Ärzte, welche die Kontrolluntersuchungen durchführen, sind aber darauf geschult, Warnzeichen zu erkennen. Sie sind auch sensibilisiert darauf, dass im Zweifelsfall eine vertiefte verkehrspsychologische Abklärung der kognitiven Leistungsfähigkeit bei der Entscheidung hilfreich oder notwendig sein kann.» Es verbleibt die Frage, warum es trotz Kontrollen immer wieder zu Unfällen aufgrund von überforderten Senioren kommt.

Eventualitäten immer möglich

«Im höheren Alter können gesundheitliche Probleme manchmal sehr schnell auftreten, auch zwischen zwei Kontrolluntersuchungen, die ja zwei Jahre auseinanderliegen. Und jede Eventualität kann man trotz Kontrollen nicht ausschliessen», meint Graber. «Die betroffenen Personen verfügen zudem oft nicht über die nötige Einsicht, selber auf den Ausweis zu verzichten, was bis zum Unfall führen kann. Natürlich wäre es immer möglich, präventiv ausführlichere oder häufigere Untersuchungen durchzuführen. Dann könnten auch mehr Risiken ausgeschlossen werden. Aber es stellt sich die Frage der Verhältnismässigkeit: Gerade bei den Personen, die noch ausreichend fit sind, stösst die vorsorgliche Untersuchung nicht auf hohe Akzeptanz. Die vermehrte Anwendung Probefahrten und andere Massnahmen werden in diesem Zusammenhang ebenfalls diskutiert. Welche Methoden fachlich am sinnvollsten sind, wird von Fachleuten laufend evaluiert und auf den Prüfstand gestellt. Es besteht jedoch ein rechtlicher Rahmen und letztlich ist es eine gesellschaftliche Frage, wie viel Sicherheit wir haben wollen und wie viel Kontrolle wir dafür in Kauf nehmen wollen», so Benjamin Graber abschliessend.

Der politische Wind hat in dieser Hinsicht wieder in Richtung mehr Selbstbestimmung gedreht, wie die kürzliche Anhebung der Altersgrenze für die erstmalige Kontrolluntersuchung auf 75 Jahre zeigt.

George Stutz