Die Stadtpolizei als «first mover»: Rahel Egli ist die erste Schweizer Polizistin, die auf der Plattform TikTok unterwegs ist.  mth
1/1 Die Stadtpolizei als «first mover»: Rahel Egli ist die erste Schweizer Polizistin, die auf der Plattform TikTok unterwegs ist. mth
27.02.2020 11:31

Auf Streife in den Sozialen Medien

Die Stadtpolizei Winterthur ist seit einem Jahr auf der Tiktok aktiv. Erreicht werden sollen so vor allem Jugendliche. Der zuständigen Rahel Egli schlug auch schon Hass entgegen.

Winterthur Rund elf Millionen Mal haben sich weltweit Menschen ein Video der Stadtpolizei Winterthur angesehen. Das virale Filmchen zeigt eine Polizistin, wie sie ein Schaf rettet, das mit dem Kopf in einem Zaun stecken geblieben ist. Diesen viralen Hit landete die Stadtpolizei im Sommer 2019 auf Tiktok. Rahel Egli, die auf der Plattform das Gesicht ihres Arbeitgebers ist, sagt heute dazu: «So einen Erfolg werden wir wohl nicht mehr so schnell wiederholen können.»

Seit einem Jahr auf Tiktok

Aber darum ging es der Stadtpolizei auch gar nicht, als sie sich im Februar 2019 entschied, einen Pilotversuch auf Tiktok zu starten. Sie will Vorreiter auf den Sozialen Medien sein – und ist es auch. So betreut Rahel Egli zusätzlich ein Instagram-Profil, Facebook und Twitter bespielt die Kommunikationsabteilung der Stapo ebenfalls. Der Grundgedanke dahinter: Bürgernahe Polizeiarbeit findet heutzutage auch online statt. Mediensprecher Michael Wirz sagt dazu: «Soziale Medien sind zu einem Lebensbereich der Bürgerinnen und Bürger geworden, der mindestens teilweise in der Öffentlichkeit liegt. Es ist meines Erachtens Aufgabe eines modernen Polizeikorps, sich solchen gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen.»

Mit ihren Aktivitäten auf den Sozialen Medien will die Stadtpolizei einen direkten Einblick in ihre Arbeit geben und den Dialog mit der Bevölkerung suchen. Einen strikten Zeitplan gibt es dafür nicht. «Wir bringen kleinere, aber spannende Geschichten. Und zwar immer dann, wenn sie passieren», präzisiert Wirz. So entsteht ein Gefühl der Unmittelbarkeit und der Authentizität.

Die Jugendlichen erreichen

Tiktok, Instagram, Facebook und Co. erlauben der Stadtpolizei, «Dialoggruppen zu erreichen, die wir ansonsten nur sehr schwer erreichen», wie es Sprecher Wirz ausdrückt. Gemeint sind vor allem Jugendliche. «Diese lesen keine Tageszeitungen und schauen nicht fern.» Gerade Tiktok sei auf den Winterthurer Pausenplätzen hingegen sehr populär. Über die Plattform kann die Stadtpolizei mit der Jugend über Themen sprechen, die sie interessiert und bewegt: Cyber-Mobbing, pornografische Bilder und Gewaltvideos.

Der sogenannte «ICoP» – den Begriff des Internet-Community-Polizisten prägte Wirz schon bei seiner vorherigen Arbeitgeberin, der Stadtpolizei Zürich – muss laut dem Mediensprecher also weltoffen sein und die Jugendkultur und die damit verbundene Sprache verstehen und sich darauf einlassen. «Ausserdem muss er gut geschult sein und politisches Fingerspitzengefühl haben, denn er trägt eine grosse Verantwortung», ergänzt Wirz.

«Hasskommentare sind normal»

Bei der Stadtpolizei, ist er, der «ICoP», eine sie, Rahel Egli. Weil sie einen viermonatigen Stage beim Mediendienst absolviert hat, weiss sie, wie man nach aussen kommuniziert. Den «normalen Polzeialltag» kennt sie sowieso. «Schreiben liegt mir», sagt Egli, die früher bei einer Bank gearbeitet hat. Ihr mache es Spass, auf Tiktok und Instagram für die Stadtpolizei aktiv zu sein: «Ich bin eigentlich fast nie über längere Zeit offline.» So antworte sie auch mal von Zuhause aus einem Mädchen, wenn dieses eine dringende Frage habe.

Die Nachrichten auf den Social-Media-Kanälen der Stadtpolizei sind aber bei weitem nicht alle konstruktiv. «Negatives erhalte ich eigentlich immer, egal, was ich poste. Hasskommentare sind normal», sagt Egli. Gerade zu Beginn habe sie damit etwas Mühe gehabt. «Aber gross belastet es mich nicht. Ich kann immer noch schlafen.» Und wie geht die Stadtpolizei damit um? Wirz antwortet: «Harmlosere Sachen ignorieren wir. Zum Beispiel Drohungen oder sexistische Äusserungen tolerieren wir aber nicht und schreiten nötigenfalls ein.»

Für Egli überwiegen aber klar die positiven Seiten ihrer Zusatzaufgaben in der virtuellen Welt und die schönen Auswirkungen aufs reale Leben. «Gerade in Uniform werde ich öfter von Jugendlichen erkannt. Das freut mich jeweils.»

Michael Hotz