War in Fernost ein beliebtes Fotosujet: Elia Bhend (29) mit Einheimischen in der Provinz Yunnan in China. z.V.g
1/4 War in Fernost ein beliebtes Fotosujet: Elia Bhend (29) mit Einheimischen in der Provinz Yunnan in China. z.V.g
Nur 13 Kilogramm Gepäck, verteilt auf zwei Taschen, führte der Abenteurer während seiner Weltreise mit sich. z.V.g
2/4 Nur 13 Kilogramm Gepäck, verteilt auf zwei Taschen, führte der Abenteurer während seiner Weltreise mit sich. z.V.g
Beim Zelten entging Elia Bhend nur knapp einem Schlangenbiss. z.V.g
3/4 Beim Zelten entging Elia Bhend nur knapp einem Schlangenbiss. z.V.g
Elia Bhend beim Zwischenstopp in Usbekistan. z.V.g
4/4 Elia Bhend beim Zwischenstopp in Usbekistan. z.V.g
24.10.2019 07:15

Auf zwei Rädern von Singapur nach Winterthur gestrampelt

In zehn Monaten radelte Elia Bhend durch fast 20 Länder und zwei Kontinente. Während seiner Extremreise ging der Winterthurer nicht nur mit dem Velo durch Höhen und Tiefen.

Winterthur Eigentlich wollte Elia Bhend mit seiner Geschichte nie in der Zeitung landen. Doch wer so viele Eindrücke zu verarbeiten hat, tut gut daran, sie immer wieder Revue passieren zu lassen. So sprudelt es denn nun nur noch so aus dem Winterthurer, der in zehn Monaten durch zwei Kontinente geradelt ist. Ein bisschen Verrücktheits-Charakter hat die Idee schon, gibt Bhend zu. «Es war ein Abenteuer, das ich für mich getan habe.»

Bereits vor Jahren durchquerte der gelernte Kaufmann Thailand mit dem Fahrrad. Nach seiner Ausbildung zum Polizisten bei der Kantonspolizei Zürich entschloss er sich zu einem Bachelorstudium in Informatik an der ETH. Doch bevor er nochmals die Schulbank drückte, entschied sich der 29-Jährige, seinen Horizont wortwörtlich noch einmal zu erweitern.

Einfacher Reisestil

Vorbereitung habe es kaum gebraucht, sagt Bhend. «Mein Vater brachte das Velo in Schuss und ich kümmerte mich um die Einreiseformalitäten und den Hinflug nach Singapur.» Dieser trat er am 9. November 2018 an, bevor er vier Tage später nach Malaysia aufbrach. Leiten liess er sich von einer Offline-Karte. «Oft kam ich aber nicht um dicht befahrene Hauptstrassen und Autobahnen herum», so Bhend. Und so auch nicht um die Bekanntschaft asiatischer Ordnungshüter. Probleme habe es aber nie gegeben, beteuert der Winterthurer: «Selten erlebte ich eine solche Hilfsbereit- und Gastfreundschaft wie auf dieser Reise.»

So habe er des Öfteren die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit oder einem Restaurant bleiben lassen können. «Vielerorts lud man mich zum Essen und Übernachten ein.» Die restlichen Nächte verbrachte Bhend in einfachen Hotels oder an abgelegenen Orten im Zelt. Letzteres sei nicht ganz ungefährlich gewesen, sodass ihn einst nur die wachsamen Augen zufällig anwesender Passanten und Polizisten vor seinem Zelt an einem Schlangen-Biss gehindert hätten.

Über 100 Kilometer pro Tag

Dank seines einfachen Reisestils kam Bhend mit 30 bis 40 Franken pro Tag durch, auch dank der Herzlichkeit der Einheimischen. «Etwas beizusteuern gilt in vielen Kulturen als unhöflich. Manchmal wurde mir die Offenheit jedoch auch zu viel, weil ich ja meinen Reiseplan einhalten wollte und somit nicht allen Einladungen folgen konnte», erinnert sich Bhend. Schliesslich habe er täglich zwischen 120 und 130 Kilometer auf dem Sattel zurückgelegt. An einem Tag seien es sogar 170 gewesen. «Am Anfang ist es hart, aber der Körper gewöhnt sich an den Rhythmus», sagt der Ex-Polizist. Das bedingte natürlich auch Pausen.

So blieb das Fahrrad an zwei Tagen die Woche auch mal stehen. Es erlaubte dem Abenteurer, sich auszuruhen, die befahrenen Orte und ständig wechselnden Kulturen zu entdecken. Oder seine verschwitzten Klamotten auszuwinden oder zu waschen. Die hochfrequentierten Touristenattraktionen liess er aber meist weg. «Für mich standen vielmehr die Begegnungen und Landschaften im Vordergrund.» Auch die Sprachbarrieren wusste der 29-Jährige zu überwinden, lernte er doch in den letzten Jahren fleissig chinesisch und jeweils vor der Einreise auch die Basis der jeweiligen anderen Landessprachen. An der Zeit mangelte es schliesslich nicht.

Reine Kopfsache

Die Fahrzeit auf den teils monotonen Strassen vertrieb er sich mit Musik oder Hörbüchern über die Geschichte der Regionen, durch die er gerade radelte. Trotz ständig wechselndem Klima, körperlicher Höchstleistungen und fremdländischer Speisen sei er nie krank geworden, so Bhend. «Oft war ich erschöpft, weil ich zu wenig gegessen hatte. Es gab auch Momente, in denen alles schief lief und ich am liebsten heimgekehrt wäre. Aber ich konnte stets weitermachen.»

So einen Moment habe er beispielsweise erlebt, als er nach der Durchquerung Thailands und Vietnams den nordchinesischen Staat Xingjiang befuhr. Mehrere zehntausend Höhenmeter, teils durch Schnee, innert weniger Wochen verlangten dem Globetrotter alles ab. Die wegen einen politischen Konflikts stark bewachte und von Unruhen heimgesuchte Region bewog Bhend schliesslich, kurzzeitig auf das Flugzeug auszuweichen und seine Reise in Kasachstan fortzusetzen. Aber auch Einreiseformalitäten, zerrissene Hosen, plötzlich endende Strassen, 25 platte Reifen oder andere Schwächemomente seines Gefährts hinderten den Winterthurer nicht an einer Weiterfahrt. «Es fand sich immer jemand, der mich bis zur nächsten Werkstatt brachte oder anderswie helfen konnte.»

Eine Erfahrung fürs Leben

Eine Herausforderung war Bhend's Reise nicht nur für seine Waden. Auch seine langjährige Beziehung rückte ein knappes Jahr in den Hintergrund. «Viermal besuchte mich meine Freundin in Thailand, Nepal, Iran und Italien und wir hörten uns fast täglich.» Einsam habe er sich nie gefühlt. «Ich traf immer neue Menschen und war auch gerne auf mich alleine gestellt.» Nach der Durchquerung Usbekistans, Turkmenistans und dem Iran erreichte Bhend schliesslich den europäischen Teil der Türkei. Und fuhr durch die osteuropäischen Länder in Richtung Tessin, bis er schliesslich am 24. August 2019 von Familie und Freunden herzlich in Winterthur empfangen wurde.

Von der zehnmonatigen Reisezeit verbrachte Bhend rund achteinhalb Monate täglich auf dem Sattel. Etwa 18'000 Kilometer strampelte er ab. «Es war eine schöne Erfahrung, die viele Vorurteile über bei uns unbekannte Länder beseitigte», sagt Bhend. Nun ruft der Studienalltag. Doch die aussergewöhnlichen Erinnerungen werden für immer bleiben.

Fabrice Dubler