16.02.2019 06:00

Beratung

Beratung hat Hochkonjunktur. Auch wenn man ihr heute Consulting sagt. Das heisst dasselbe, tönt aber besser. Gebildeter und geheimnisvoller. Und weil es so viel Beratung braucht, braucht es auch Beraterinnen und Berater. Zum Glück. Ich bin auch einer davon. Auch wenn ich zuweilen den Eindruck habe, dass gewisse Leute eigentlich dafür angestellt wären um das zu tun, wofür sie glauben, es einen Berater machen lassen zu müssen. Oder durchaus in der Lage wären, ihre Probleme selber zu lösen. Aber eben. Niemand sollte am Ast sägen, auf dem er sitzt. Auch ich nicht. Aber ich wundere mich manchmal, welch ausgeprägte Inkompetenz auch in der Beratungsszene anzutreffen ist. Können und Wissen haben da zuweilen die Fachlichkeit einer geschälten Kartoffel.

«Muss guter Rat unbedingt teuer sein?»

Und das bei unglaublichen Stundensätzen, weil guter Rat scheinbar teuer sein muss. Aber vielleicht sind diese gar nicht für die Beratung, sondern fürs Zuhören. Das habe ich selber schon in meiner Jugend gelernt. Dies, obwohl meine Kindheit gutschweizerisch-durchschnittlich verlief, ohne dass ich je mit so etwas wie „Beratung“ konfrontiert gewesen wäre. Möglicherweise abgesehen davon, dass ich aufgrund irgendeiner Wahrnehmungseigenart dazu verpflichtet war, eine Art von Nachhilfeunterricht zu absolvieren, dessen spürbarste Auswirkung war, dass ich freie Nachmittage damit verbringen musste, 50 mal Sätze wie „Vielleicht kommt das Fräulein heute nach dem Läuten wieder einkaufen“ zu schreiben. Etwas später aber, so etwa in der 3. Sek, habe ich gemerkt, dass man attraktiv wird, wenn man zuhört. Bar jeglichen theoretischen Fundamentes habe ich für mich ganz allein Beratung praktiziert und perfektioniert. Ein interessiertes Kopfnicken hier, ein teilnahmsvoller Seufzer da – und gewisse Mädchenherzen schmolzen. So habe ich erkannt, dass Beratung eben immer auch ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ist. Keine Ahnung wieso. Das mach mich ratlos.

peter.gut@swissregiomedia.ch