Fliegt am 27. Januar zum letzten Mal eine Passagiermaschine: Hans Peter Boller. z.V.g
1/1 Fliegt am 27. Januar zum letzten Mal eine Passagiermaschine: Hans Peter Boller. z.V.g
09.01.2020 08:00

Das letzte Mal einen grossen «Vogel» übers Wolkenmeer steuern

Hans Peter Boller erlebte nicht nur das Swissair-Grounding hautnah mit, sondern landete seinen Vogel als letzter Pilot während des Sturms Lothar am Flughafen Zürich. Kurz vor seinem letzten Flug schaut der Winterthurer auf seine bewegende Karriere zurück.

Winterthur Es ist für viele ein Kindheitstraum: als Pilot eine grosse Maschine durch die Lüfte steuern. Nicht so bei Hans Peter Boller. Obwohl der Winterthurer rund 33 Jahre lang im Cockpit sass, war dies so gar nicht seine Absicht. «Ich liess mich eigentlich zum Lehrer ausbilden», erzählt der 59-Jährige. Die Laufbahn zum Captain habe sich durch seine Passion zum Segelfliegen und die Freundschaft zu Linienpiloten so ergeben. Ohne grosse Erwartungen absolvierte Boller die Auswahl und begann die zweijährige Grundausbildung zum Piloten. Wie für die hiesige Laufbahn üblich flog er nach weiteren Trainings zu Beginn als erster Offizier und nach elf Jahren ab 1998 erstmals als Captain. «Die jeweilige Flugpremiere in der neuen Rolle war immer sehr speziell», sagt der Winterthurer.

Vom Azubi zum Instruktor

Boller wollte jedoch nicht nur an der Front, sondern auch im Hintergrund mitwirken, wissen, welche Strukturen seinem Schaffen zu Grunde liegen und diese mitgestalten. Seine Wissbegierde und der Drang, dieses geistige Kapital weiterzugeben, trieb ihn schliesslich zur Instruktorausbildung. Fünf Jahre lang leitete er danach die Swissair Aviation-School und war weitere zehn Jahre als Postholder der SWISS für das gesamte lizenzrelevante Training verantwortlich. Dort kümmerte er sich um regelmässige Checks, Flugbescheinigungen, Datenbanken sowie Qualifikationen des Personals und bildete künftige Instruktoren, Piloten und Flight Attendants aus. So knüpfte er an seine Berufung als Lehrer an.

Mehrere Jahre war Boller zudem in weiteren Ausbildungssektionen und als Emergency Director tätig, einem Krisenstab, der den Flugbetrieb in ausserordentlichen Situationen managt. «Eine interessante Situation war der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull in Island, der uns und die Luftfahrtbehörde vor grosse Herausforderungen stellte», erzählt Boller, der zudem als Vizepräsident des SAC-Clubs Winterthur amtet.

Als Letzter von «Lothar» geflohen

Vom Swissair-Grounding war der Kapitän aufgrund seiner Stellung mitten in der Laufbahn nicht direkt betroffen. Vielmehr beschäftigten hätten ihn Vorfälle, bei denen persönliche Schicksale dahinterstanden. «Der Absturz von Swissair-Flug 111 im kanadischen Halifax war einschneidend, da ich die Crew kannte.» Auch medizinische Notfälle an Bord hätten ihn jeweils nicht mehr so schnell losgelassen. Brenzlig wurde es für Boller selten. Wenige Triebwerkausfälle, die heutzutage keinen Grund zur Panik mehr seien sowie einige Zwischenlandungen, waren Usus.

Anders am 26. Dezember 1999, als Boller der letzte Pilot war, der während des Sturms Lothar den Flughafen Zürich noch ansteuern konnte. «Die Wettervoraussagen für den Flug von London nach Zürich waren falsch, wir hätten erst gar nicht starten dürfen», erinnert sich der Captain. Panik sei bei ihm aber keine ausgebrochen. «In solchen Situationen funktioniert man einfach und kann unter Beweis stellen, was man jahrelang trainiert hat.»

«Fliegen bleibt faszinierend»

Damals wie auch heute erachtet er die Fliegerei deshalb als sicher. «In den Ausbildungen wird man auf alle Szenarien vorbereitet und mehr trainiert, als es das Gesetz vorsieht.» Trotz Preisdruck und dichten Flugplänen würde er seinen Werdegang wiederholen, sagt Boller: «Wie andere Berufsfelder hat sich die Luftfahrt, was Kapazitäten und Technologie angeht, verändert. Die Faszination dafür aber bleibt.»

Denn nebst anspruchsvollen und stressigen, kämen auch die schönen Momente eines jeden Piloten hinzu: «Dazu zählen etliche Sonnenauf- und -untergänge, die Nordlichter über Skandinavien und das Entdecken der Welt», schwärmt Boller.

Als Lehrer weiterfliegen

Die anzufliegenden Städte kann er mittlerweile an einer Hand abzählen. Den offiziellen «Last Flight», bei dem es den Flugkapitänen zusteht, die Crew selbst zusammenzustellen und Familienmitglieder mitzunehmen, fand bereits am 17. Dezember statt. Eigenhändig flog er seine Liebsten nach Shanghai und wurde am Zürcher Flughafen von der Feuerwehr mit einem Wasserbogen empfangen. Sein Sohn, ebenfalls Pilot, konnte leider nicht mit Papa im Cockpit sitzen. Die Langstreckenlizenz fehlt ihm noch.

Zum letzten Mal abheben wird der abtretende Captain am 27. Januar nach Johannesburg, einer seiner Lieblingsdestinationen. Ab dann wird auch Boller für seine anschliessende achtmonatige Weltreise die grossen «Vögel» nur noch als Passagier besteigen. Der Luftfahrt kehrt er aber noch lange nicht den Rücken: Als Aviatik-Dozent und Fluglehrer wird er sein Wissen aus 33 Jahren Cockpit-Erfahrung auch im Ruhestand an künftige Piloten weitergeben.

Fabrice Dubler