Roland Schönenberger sucht auf einer zerbrochenen Tasse nach Fingerabdrücken.  duf
1/1 Roland Schönenberger sucht auf einer zerbrochenen Tasse nach Fingerabdrücken. duf
31.10.2019 08:00

Den Kriminellen auf der Spur

Ohne seine Arbeit würden viele Verbrechen kaum aufgeklärt werden. Der Winterthurer Forensiker Roland Schönenberger über grausige Tatortbilder, das DNA-Profilgesetz und Erfolgsquoten bei der Spurensicherung.

Winterthur Er streicht mit einem Magnetpulver behafteten Applikator über eine zersprungene Kaffeetasse. Langsam kommen die Fingerabdrücke zum Vorschein. Das Exempel statuiert, was Roland Schönenberger bei seiner Arbeit als Forensiker tagtäglich zu suchen hat. Doch Fingerabdrücke sind nur ein kleiner Teil der vielseitigen Spurenarten, mit denen sich der 52-Jährige zu beschäftigen hat.

Denn die Mitarbeitenden des Kriminaltechnischen Einsatzdienstes (KED) des Forensischen Instituts Zürich (FOR) rücken an  Ereignisse aus, die eine erweiterte Spurensicherung erforderlich machen. 3'187 Mal war dies alleine im 2018 der Fall. «Je nach Delikt braucht es weitere Spezialisten des FOR für Waffen-, Werkzeug- oder biologische Spuren», sagt Schönenberger, der bereits ein Vierteljahrhundert bei der Polizei und seit neun Jahren im KED tätig ist.

Detailarbeit gefragt

Fast die Hälfte aller Einsätze betrifft Einbrüche, in über zehn Prozent der Fälle rücken die Forensiker zudem bei aussergewöhnlichen Todesfällen aus. Da sie meist zu den ersten Ermittlern vor Ort zählen, gelte es, sich erst mal einen Überblick über den Tatort zu verschaffen und diesen fotografisch zu dokumentieren, so Schönenberger. «Am bedeutsamsten ist es, alle Spuren zu schützen und keine neuen zu produzieren.» Das bedinge, sich je nach Tatort mit Schutzkleidung auszustatten und zu rekonstruieren, wie die Tat abgelaufen sein muss. Auch wenn Täter heute immer raffinierter und vorsichtiger würden: Anhaltspunkte gebe es immer. «Gerade bei Einbrüchen sind die Einstiegsorte am erfolgversprechendsten, da Täter beim gewaltsamen Öffnen von Türen und Fenstern meist einen Moment lang unaufmerksam sind», so der 52-Jährige. Jedes noch so kleine Härchen, jede Faser und jeder mickrige Fleck könnte am Schluss das fehlende Puzzlestück sein.

Deshalb mache nicht nur die grosse Erfahrung und das Fachwissen, sondern vor allem die Genauigkeit diesen Job aus. Eine dicke Haut zu haben, ist selbsterklärend. Denn was die Forensiker teilweise für Szenerien antreffen, würde andere erschaudern lassen. Nicht so Schönenberger. «In einer polizeilichen Laufbahn kriegt man vieles zu sehen. Man muss die Bilder ertragen können. Die Tatsache, dass man die Betroffenen nicht kennt, hilft, eine gewisse Distanz zu ihrem Schicksal zu schaffen.» Seien, wie in einem kürzlichen Fall, Kinder betroffen, die im gleichen Alter wie seine Enkelkinder sind, komme aber auch er ins Grübeln. «Der Austausch mit den Kollegen hilft dann bei der Verarbeitung», sagt Schönenberger.

«Rückschläge gehören dazu»

Nach der Sicherung, die je nach Delikt 30 Minuten bis mehrere Tage dauern kann, werden alle Spuren in der Spurendatenbank erfasst und beispielsweise DNA-Spuren danach ins Institut für Rechtsmedizin nach Zürich zur Auswertung geschickt. Gewisse Beweisstücke können auch direkt vor Ort oder im hauseigenen Labor untersucht werden. Die Ergebnisse hält Schönenberger dann in einem abschliessenden Spurenbericht fest. Dass ihre Arbeit nicht immer alle Fälle aufklärt, ist für die Forensik Alltag. «Wir verzeichnen viele Erfolge. Dass es mal keine verwertbaren Spuren gibt oder sie nicht zugeordnet werden können, gehört aber genauso dazu.»

Oft würden diese Rätsel aber in Zusammenhang mit späteren Fällen doch noch gelöst. «Etwas frustrierend sind Fälle, bei denen zwar eindeutige Spuren gesichert werden konnten, diese aber aufgrund fehlender Vergleichsproben von allfälligen Tätern nicht zu einem sogenannten Personen-Hit führen», erklärt Schönenberger. Hier liegt die Hoffnung auf der Revision des geltenden DNA-Profilgesetzes, welche diesbezüglich eine Verbesserung bringen könnte.

Kein reiner Polizeiberuf

Denn so einfach, wie es in den Filmen und Serien dargestellt werde, sei die Aufklärung nicht. «Bei gewissen Prozessen und Details gibt es durchaus Parallelen. Doch, dass Forensiker mögliche Täter und deren aktuellen Aufenthaltsort aufgrund gefundener Spuren innert Sekunden aufspüren und dann auch noch selbst bewaffnet ausrücken, ist eher realitätsfern», schmunzelt der Winterthurer. Aufregend sei der Beruf aber allemal, sagt Schönenberger. Und nicht nur für erfahrene Polizisten und Polizistinnen zugänglich. Denn  in der Forensik seien auch Quereinsteiger aus dem Chemie-, Biologie- oder Kriminologie-Umfeld sehr gefragt.

Fabrice Dubler