Gefängnisleiterin Karin Eggli pflegt einen respektvollen Umgang mit Insassen.  duf
1/8 Gefängnisleiterin Karin Eggli pflegt einen respektvollen Umgang mit Insassen. duf
Aus Spargründen wurde das Gefängnis Winterthur im März 2004 für rund sechs Monate geschlossen. Weil die Plätze aber beschränkt waren im Kanton, eröffnete man es bereits im Oktober wieder. duf
2/8 Aus Spargründen wurde das Gefängnis Winterthur im März 2004 für rund sechs Monate geschlossen. Weil die Plätze aber beschränkt waren im Kanton, eröffnete man es bereits im Oktober wieder. duf
Blick vom Flur auf andere Zellenfenster. duf
3/8 Blick vom Flur auf andere Zellenfenster. duf
Eine Stunde täglich können sich die Inhaftierten im Innenhof verweilen. duf
4/8 Eine Stunde täglich können sich die Inhaftierten im Innenhof verweilen. duf
Dreimal täglich erhalten Inhaftierte eine Mahlzeit, die von extern angeliefert wird. duf
5/8 Dreimal täglich erhalten Inhaftierte eine Mahlzeit, die von extern angeliefert wird. duf
In der Arrestzelle werden ausfällig werdende Insassen für maximal drei Tage gebracht. duf
6/8 In der Arrestzelle werden ausfällig werdende Insassen für maximal drei Tage gebracht. duf
In der Einzelzelle kriegt man für einen Franken Fernsehanschluss. Wer arbeitsfähig ist, kann sich dies durch die Arbeit im Gefängnis verdienen.  duf
7/8 In der Einzelzelle kriegt man für einen Franken Fernsehanschluss. Wer arbeitsfähig ist, kann sich dies durch die Arbeit im Gefängnis verdienen. duf
Insgesamt hat das Gefängnis Winterthur Platz für 48 Personen.  duf
8/8 Insgesamt hat das Gefängnis Winterthur Platz für 48 Personen. duf
09.05.2019 07:35

«Der Mensch und nicht seine Tat steht im Vordergrund»

Wer in Winterthur etwas verbricht, bekommt früher oder später Karin Eggli zu Gesicht. Die Leiterin des Gefängnisses Winterthur lässt hinter Gitter und in ihren Alltag blicken und spricht über Vorurteile gegenüber Insassen.

Winterthur Während ihrer Ausbildung betreute Karin Eggli jahrelang Hotelgäste und war um deren Wohl besorgt. In ihrem hiesigen Berufsalltag haben die Zimmer Gitter und die Gäste nächtigen nicht freiwillig darin. «Wenn man aus dem Gastgewerbe kommt, hat man die besten Voraussetzungen für die Arbeit im Gefängnis», sagt Eggli, die seit 25 Jahren an verschiedenen Standorten des Zürcher Justizvollzugs tätig ist. Darunter war sie als Verkaufsförderungsleiterin in der Pöschwies und als stellvertretende Leiterin des Gefängnisses Limmattal tätig. Seit zwei Jahren leitet sie das Gefängnis Winterthur.

«Papier und Mensch beissen sich»

Dabei ist sie den Inhaftierten relativ nahe. «Hat jemand Redebedarf oder ein Problem, kann er um einen Gesprächstermin mit mir bitten, den ich dann in der Zelle wahrnehme.» Oft aber in Begleitung oder unter Beobachtung ihres Stellvertreters. Es sei der Unterschied zu grösseren Anstalten, in denen derartige Gespräche kaum möglich seien. Angst vor Übergriffen habe sie keine. «Aber der nötige Respekt und eine gewisse Distanz muss man stets wahren.» Persönliche Details gebe sie keine preis und die individuellen Schicksale der Insassen lasse sie nicht zu nahe an sich ran. Ob sie es mit einem Mörder oder Vergewaltiger zu tun habe, spielt für sie keine Rolle. «Wir sind ein Untersuchungsgefängnis.

Unsere Insassen sind noch nicht verurteilt, weshalb stets die Unschuldsvermutung gilt.» Meistens würde man den Inhaftierten ihre, ihnen vorgeworfenen Taten kaum zutrauen, wenn man sie persönlich kennenlerne. «Schliesslich steckt hinter jedem Kriminellen auch ein Mensch mit einer Geschichte», bemerkt Eggli.

176 Franken Häftlingskosten pro Tag

Das Klischee, manche würden kriminell, um im Gefängnis durchgefüttert zu werden und ein besseres Leben als in Armut zu haben, kann sie nur teilweise nachvollziehen. Jeder Insasse erhalte täglich drei angelieferte Mahlzeiten und koste mit allem eingerechnet im Schnitt 176 Franken pro Tag. «Es mag sein, dass es im Winter hier besser ist, als draussen in der Kälte. Auch die besseren Bedingungen, verglichen mit einem Drittweltland, sind unbestritten. Doch auch unsere Mitarbeitenden wollen einen angenehmen Arbeitsplatz, weshalb man probiert, sich gegenseitig mit Respekt zu begegnen», sagt Eggli.

Mit Samthandschuhen fasse man die Insassen jedoch nicht an. «Wer sich nicht an die Regeln hält, wird bestraft.» Zudem sei der ständige Freiheitsentzug vor allem in psychischer Hinsicht eine nicht zu unterschätzende Strafe.

Zwiebeln gegen die Langeweile

Wer nicht in den zwei Vierer- oder vier Zweierzellen, sondern in einer der 32 Einzelzellen untergebracht ist, verbringt einen grossen Teil seiner Zeit auf elf Quadratmetern mit einem Bett, WC, Lavabo und Schreibtisch; Gitterblick inklusive. «Eine Stunde haben die Insassen täglich die Möglichkeit, sich im Innenhof, in der Bibliothek oder beim Tischfussballkasten aufzuhalten.» Für etwa fünf Stunden kann zudem gearbeitet werden, wie das gerade ein paar Männer tun. Zwiebeln und Knoblauch schneiden ist angesagt, die dann abgepackt und an Gastrobetriebe verkauft werden. Im Gefängnishof mähen andere Insassen den kleinen Rasen. «Damit verdient man ein paar Franken, mit denen man sich einen Fernseher in der Zelle sowie Zigaretten, Snacks und Hygieneprodukte finanzieren kann», erklärt die Gefängnisleiterin.

Arbeitswerkzeuge wie Messer sind pro Raum abgezählt und müssen in der gleichen Anzahl vorhanden sein, wenn die Häftlinge den Arbeitsraum verlassen. «Es gab damit auch schon Zwischenfälle mit Inhaftierten, die sich selbst verletzten», so Eggli. Wer aber ausfällig werde, komme für drei Tage in die Arrestzelle, die nur über eine Matratze, einen Wasserhahn, eine Hocktoilette und kaum Tageslicht verfügt.

Routine ist gefährlich

Über die Sicherheitsvorkehrungen gibt Eggli wenig bekannt. Standardmässig lassen sich sämtliche Türen nur durch einen Code oder Schlüssel öffnen und das nur, wenn die vorhergehende ins Schloss gefallen ist. Der Überwachungsraum, geziert von mehreren Bildschirmen, darf nicht betreten werden. Eggli sagt nur soviel: «Nur wer hier sitzt, bestimmt, wer rein- oder rausgeht.» Nachts, wenn lediglich zwei Mitarbeitende und ein Sicherheitsangestellter präsent seien und eine Zelle geöffnet werden müsse, werde immer die Kantonspolizei Zürich hinzugezogen. Dies auch, wenn jemand den stillen Alarm betätige, welcher jeder Mitarbeitende auf sich trage. «Aber ein Restrisiko besteht immer», sagt Eggli. Den letzten Ausbruch gab es 2003 über das Dach.

Im Auge behalten müsse man stets das Verhalten der Insassen. «Wenn der Alltag zu sehr von Routineabläufen geprägt ist, könnte das ausgenutzt werden.» Auch Briefe werden immer erst kontrolliert, das gleiche gilt für Gegenstände von aussen, die grundsätzlich verboten sind und Besuche, welche nur durch eine Glastrennwand empfangen werden können. Und selbst wenn es zu einem Ausbruch kommen würde: Eggli bringt für den Freiheitsdrang Verständnis auf, solange nichts und niemand dabei zu Schaden kommt. Denn nach Schweizer Gesetz bleibt ein Ausbruch an sich straffrei.

Fabrice Dubler