Trotz der Anwesenheit von kleinen Kindern zeigen sich im Bereich Alten an der Thur immer wieder Nudisten.  z.V.g
1/1 Trotz der Anwesenheit von kleinen Kindern zeigen sich im Bereich Alten an der Thur immer wieder Nudisten. z.V.g
05.09.2019 07:15

«Die vielen nackten Männer an der Thur verstörten uns»

Bei einem Picknick-Ausflug ist eine Familie aus Henggart von einer Gruppe nackter Männer an der Thur überrascht worden. Eine Frechheit, findet der Vater. Viel dagegen machen könne man nicht, sagen Gemeinde und Kantonspolizei.

Henggart / Andelfingen Es sollte ein gemütlicher Familienausflug am Wasser mit Picknick und Baden werden. Doch als P. R* aus Henggart kürzlich mit seiner Frau und den drei Kindern von der Thurbrücke bei Alten in Richtung Andelfingen spazierte, entwickelte sich der laue Sommerabend plötzlich zu einen Schreckmoment. «Am südlichen Ufer der Thur, auf Höhe Alten, lag plötzlich ein nackter Mann beim Spazierweg», erzählt R. Nur wenige Meter weiter habe ihnen auf einem kleinen Pfad zum Ufer ein weiterer unbekleideter Mann den Zugang versperrt. «Er stand da, als ob er Wache stehen würde», so der Familienvater.

Bei einer anderen Kiesbank seien schliesslich noch mehr Nudisten am Wasser gestanden oder hätten ihre nackten Körperteile liegend an der Sonne präsentiert. Zweimal seien zudem zwei Herren zusammen aus dem Gebüsch gekrochen. «Da wurden sie offenbar von uns bei etwas gestört, womit wir möglicherweise gerade noch einen Straftatbestand verhindern konnten.» R. spricht von insgesamt etwa einem Dutzend Männern. «Einige kamen auf uns zu und so suchten wir schnellstmöglich das Weite.»

Szenetreff für Naturisten

Zwar seien sie nicht direkt angesprochen worden von den Fremden. Ein komisches Gefühl bliebe dennoch, sagt R. «Es war eine völlig verstörende Erfahrung, insbesondere für meine Kinder. Ich hoffe, dass sie nun keine psychischen Schäden davontragen und diese Bilder wieder vergessen werden.»

Da auch einige der Männer mit ihren Smartphones suchend umherstolziert seien, habe man vermutlich noch weitere Gleichgesinnte gesucht oder vor möglichen Passanten warnen wollen. Der Henggarter vermutet eine Art Szenentreff hinter der Aktion. Tatsächlich finden sich mehrere Websites, Blogs und eine Facebookseite, die den versteckten Kiesstrand in Andelfingen als FKK-Badeort anpreisen. Acht Jahre alte Rezensionen von mutmasslich homo- und bisexuellen Usern lassen zudem darauf schliessen, dass die Naturisten dort schon länger verweilen. «Wenn Boote kommen, bitte nicht nackt herumlaufen, ansonsten rufen sie die Polizei und es gibt Ärger», schreibt etwa eine Nutzerin 2011 auf einer deutschen Rezensionsseite für Nacktbadestellen.

Vereinzelte Reklamationen eingegangen

Nach dem ärgerlichen Erlebnis meldete sich R. sofort bei der Gemeinde Andelfingen, wo sein Hinweis auf offene Ohren gestossen sei. Denn er war nicht der Erste, der sich beschwerte, wie Gemeindeschreiber Patrick Wäspi auf Anfrage sagt: «Bereits im 2016 und auch dieses Jahr gab es vereinzelte Meldungen aus der Bevölkerung.»

Der Gemeinde seien jedoch die Hände gebunden. «Es gibt keine Handhabe, sofern keine offensichtliche Belästigungen oder Gesetzesübertretungen stattfinden», so Wäspi. Entsprechende Signalisationen wie eine Verbotstafel seien deshalb kein Thema. Man arbeite aber mit der Kantonspolizei Zürich zusammen, die aufgrund der Hinweise Kontrollen an den bezeichneten Orten vorgenommen habe.

Nackt sein alleine ist nicht verboten

Auch der Kantonspolizei Zürich sind die Nudisten somit bekannt. «Wir haben Kenntnis davon, dass das Ufer und die Sandbänke der Thur bei Liebhabern der Freikörperkultur geschätzt wird», sagt Kapo-Sprecher Florian Frei. Damit würden diese aber kein Verbot missachten. Denn einfaches Nacktsein im öffentlichen Raum ist gemäss Strafgesetzbuch erlaubt, sofern sie nicht sexuell motiviert ist, so Frei: «Für eine exhibitionistische Tat wird der sexuelle Beweggrund vorausgesetzt. Für die sexuelle Belästigung braucht es wiederum eine sexuelle Handlung.»

Den Kantonen ist es jedoch überlassen, Nacktbaden oder andere Aktivitäten im Adamskostüm im öffentlichen Raum unter Strafe zu stellen. Dies geht auf einen Bundesgerichtsentscheid zurück, nach diesem der Kanton Appenzell Innerrhoden das Nacktwandern verbieten liess. Denn Nacktwandern in der Öffentlichkeit, heisst es im Urteil des Bundesgerichts, könne als «grobe Verletzung von Sitte und Anstand qualifiziert werden». Im Kanton Zürich gibt es jedoch kein gesetzliches Verbot, sich öffentlich nackt zu sonnen oder zu baden.

Ausweichen auf FKK-Strände

Frei ergänzt jedoch: «Fühlt sich jemand durch nackt Badende sexuell belästigt oder exhibitionistisch gestört, kann er die Person bei der Polizei anzeigen. Die Tatbestände sind aber nur erfüllt, wenn der Nachweis der sexuell motivierten Tat oder der sexuellen Handlung erbracht werden kann.» Auch beim Geschlechtsverkehr in der Öffentlichkeit könne Anzeige erstattet werden, wenn man sich daran störe. Dabei handle es sich um ein Antragsdelikt, das nicht von Amtes wegen verfolgt werde.

 Für R. ist dieser Umstand misslich. «Einerseits will ich Familien davor bewahren, ihre Kinder diesen Bildern auszusetzen.» Andererseits solle man eigentlich erst Recht dort spazieren gehen, um die Szene zu stören, denn genau das missfalle den Männern und vertreibe sie. «In der Schweiz gibt es schliesslich genug offizielle FKK-Plätze, wo diese Menschen ungestört sein können», so R.

*Name der Redaktion bekannt

Fabrice Dubler