Die sieben Schüler der Kantonsschule Büelrain arbeiten während des Workshops konzentriert an ihrer Reportage. Foto: Michael Hotz
1/1 Die sieben Schüler der Kantonsschule Büelrain arbeiten während des Workshops konzentriert an ihrer Reportage. Foto: Michael Hotz
10.10.2019 08:00

Einen Tag lang Lehrer sein am Gymi

Am letzten Schultag vor den Ferien schlüpfte Redakteur Michael Hotz quasi in die Rolle einer Lehrperson, indem er am Reportagentag der Kantonsschule Büelrain einen Kurs leitete. Ein Erfahrungsbericht.

Winterthur Plötzlich steht man alleine vor sieben Schülern von dritten Klassen der Kantonsschule Büelrain. In einem Klassenzimmer, in dem man vor einigen Jahren selber als Gymnasiast sass. Als ehemaliger «Büelrainer» wurde ich – zusammen mit anderen lokalen Medienschaffenden – eingeladen, einen Workshop am Reportagentag der Winterthurer Kanti zu leiten.

Da sitzen also Dilay Bayir, Joël Büchi, Claude Büsser, Gianluca Kast, Anica Martinovitch, Marigna Roth und Gina Vogt vor einem, vor mir. An ihrem letzten Schultag vor den Herbstferien. Der Einstieg in meinen Kurs verläuft dann auch eher zäh. Ich skizziere in fünf Minuten kurz meinen Lebenslauf: von der Matura bis zu meinem jetzigen Job bei der «Winterthurer Zeitung». Die Schüler interessiert dies so mittelmässig. Ich kann es in ihren Augen ablesen. Das kann ja heiter werden.

Die Schüler tauen auf

Habe ich mir etwa zu viel vorgenommen? Mute ich den Schülern zu viel zu? Ich habe einen recht durchgetakteten Zeitplan. Noch am Vormittag sollen meine sieben Workshop-Teilnehmer ein kurzes Interview mit einer Person auf der Strasse führen. Etwa zu ihrem Beruf, ihrer Lieblingsmusik oder ihrem Haustier. Dann folgt nach dem Mittag ein kurzer Besuch auf der Redaktion der «Winterthurer Zeitung», bevor sie am Nachmittag ihre kurze Reportage schreiben sollen. Und zwischendrin gebe ich den Schülern einige Tipps und Vorschläge aus der Praxis, wie sie am besten vorgehen sollen.

Während ich den sieben Jugendlichen all dies erkläre, schwirrt mir immer wieder ein Ratschlag durch den Kopf: Bezieh die Schüler mit ein. Den Tipp hat mir mein ehemaliger Deutschlehrer mit auf den Weg gegeben, als wir uns über meine Teilnahme am Reportagentag ausgetauscht haben. Der Rat erweist sich als Türöffner. Anstatt oberlehrerhaft zu predigen, lasse ich die Teilnehmer viele Tipps selber herleiten. Sie tauen aus ihrer Vorschulferien-Starre auf und machen aktiv mit. Besonders motivierend ist für sie aber, dass die beste Reportage in einer der folgenden Ausgaben der «Winterthurer Zeitung» abgedruckt wird. An ihren Reaktionen darauf kann ich erkennen, welchen Stellenwert die Chance, es in eine Zeitung zu schaffen, auch in der heutigen Zeit noch hat. Eine schöne Erkenntnis. Das mit dem Workshop wird vielleicht doch noch etwas.

Regen als Spielverderber

Als wir um 11 Uhr Richtung Altstadt losziehen, spielt das Wetter nicht mit. Es regnet. Aufgeteilt in drei Gruppen haben die sieben Schüler nun eine Stunde Zeit, um einen auskunftswilligen Passanten zu finden. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass dies kein leichtes Unterfangen ist. Ich mache mir Sorgen um meinen Kurs. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, ihnen mit Rat und Tat beizustehen. Die Teams sind aber voller Tatendrang in verschiedene Richtungen aufgebrochen.

Pünktlich um 12 Uhr sind dann alle zurück am vereinbarten Treffpunkt – und siehe da: Alle drei Gruppen haben ein Interview führen können. Ich bin erleichtert, ja sogar ein wenig stolz. Die Schüler auch. «Wir mussten uns zuerst ein wenig überwinden, aber dann haben wir einfach Leute angefragt», fasst Dilay Bayir die Erfahrung zusammen. Erfreut entlasse ich meine Workshop-Teilnehmer in die Mittagspause.

Ein erhabenes Gefühl

Zurück am «Büelrain» sind wir etwas später als ich es einberechnet habe, weil der Besuch auf der Redaktion etwas länger gedauert hat. Die Schüler zeigten sich sehr interessiert und stellten viele Fragen. Nun haben die Schüler bloss noch eine gute Stunde, um ihre Reportage zu schreiben. Während ich durch die Bankreihen gehe und den Fortschritt der Texte überprüfe, sehe ich, wie sie meine Tipps aufgenommen haben und nun direkt umsetzen. So muss sich ein Lehrer fühlen, wenn seine Schützlinge aufgetragene Aufgaben korrekt lösen. Ein erhabenes Gefühl. In den letzten Minuten des Workshops beenden alle drei Gruppen ihre Reportage und reichen sie zufrieden bei mir ein. Mal sehen, wie die Texte rausgekommen sind. Die Herbstferien haben sich die sieben Schüler aus meiner Sicht jedenfalls verdient.

Michael Hotz