Die Tierärztin Yvonne Rudin behandelt verletzte oder kranke Igel auf der Igelstation Winterthur. Dieses bemitleidenswerte Exemplar zog sich an einem Elektrozaum Verbrennungen an Maul, Nase und Hinterteil zu. Foto: z.V.g.
1/1 Die Tierärztin Yvonne Rudin behandelt verletzte oder kranke Igel auf der Igelstation Winterthur. Dieses bemitleidenswerte Exemplar zog sich an einem Elektrozaum Verbrennungen an Maul, Nase und Hinterteil zu. Foto: z.V.g.
07.11.2019 08:00

«Igel sterben früher, wenn sie keinen Winterschlaf machen»

Im Spätherbst fressen sich Igel den Winterspeck an, den sie dringend für ihren Winterschlaf brauchen. Expertin Yvonne Rudin gibt Tipps, wie hiesige Tierfreunde dem stachligen Wesen helfen können.

Winterthur Der Igel gehört zu den Winterschläfern. Er begibt sich jedes Jahr in die Hibernation – oder eben in den Winterschlaf. Jetzt, im Spätherbst, ist das stachlige Säugetier aber noch aktiv. Denn es muss sich noch genügend Körpermasse anfressen, bevor er in den langen Ruhezustand in den kalten Monaten geht. Yvonne Rudin, Fachperson beim Tierschutzverein Winterthur und Umgebung und Mitarbeiterin auf der hiesigen Igelstation, verrät alles rund um den Igel und seinen Winterschlaf.

Welche Gefahren lauern?

Laut Yvonne Rudin sind die aktuell grössten Gefahren für Igel weiterhin die Gartenarbeiten. «Wir erhalten viele Tiere, die durch Heugabeln oder Fadenmäher verletzt werden», so die Tierärztin. «Leider sind da jeweils ganz schreckliche Verletzungen dabei.» Sehr oft kämen Igel auch im Strassenverkehr um. Unfälle enden dann fürs kleine Tier meist tödlich.

Welche Anzeichen weisen auf eine Verletzung hin?

«Solche Anzeichen sind für Laien relativ schwierig zu erkennen», betont Rudin. Auch sie als Fachperson müsse einen Igel oft zuerst sedieren und anschliessend genauer anschauen. Es gäbe aber dennoch einige Hinweise. Etwa wenn ein Igel langsam unterwegs sei, hinke, sich nur verzögert einrolle, apathisch daliege, heftig huste oder Durchfall habe. «Bei solchen Fällen lohnt es sich, uns zu kontaktieren», rät Rudin (siehe Box).

Im Spätherbst sind die ansonsten nachtaktiven Igel auch häufiger tagsüber unterwegs. Jungtiere, die erst im September zur Welt gekommen sind, streifen durch die Gärten auf der Suche nach Futter. «Sie müssen noch das Gewicht erreichen, das sie für den Winterschlaf brauchen.» Dies könne auch für erwachsene Tiere gelten. Auch hier gebe es eine Möglichkeit, um den Nährzustand abzuschätzen. «Ein gesunder Igel ist rund. Bei einem unterernährten Tier falle hingegen der Hals oder die Flanken des Körpers ein.» Ist ein besorgter Tierfreund ob des Gewichts eines gefundenen Igels unsicher, soll er ihn wägen. Die Limite sind laut Rudin 500 Gramm. «Ist er leichter, sollte der Igel nicht in den Winterschlaf gehen. Denn während der Hibernation verliert er bis zu 25 Prozent seines Körpergewichts.»

Weshalb ist der Winterschlaf für Igel wichtig?

Der Winterschlaf dauert bei Igeln normalerweise von November bis März, also rund vier bis fünf Monate. «Die wenigsten schlafen aber durch», betont Rudin. So wachen die Tiere etwa auf, wenn die Temperatur in ihrem Winterquartier zu tief oder zu hoch sei. Es sei deshalb nichts Aussergewöhnliches, wenn man auch im Winter ein Igel antreffe. Der winterliche Ruhezustand ist für das Säugetier aber sehr wichtig. «Igel sterben früher, wenn sie keinen Winterschlaf machen können», sagt die Tierärztin.

Wie kann man helfen?

Gerade weil die Igel auf den Winterschlaf angewiesen sind, müssen sie im Spätherbst genügend Futter finden. Die Tierschutzverein-Mitarbeitende rät hilfsfreudigen Igelfreunden, temporäre Futterstellen mit Trockenfutter für Katzen einzurichten und Wasser anzubieten. «Die Igel dürfen aber nicht stetig gefüttert werden, sonst gehen sie nicht in den Winterschlaf», warnt Rudin. Zudem können Überwinterungshilfen geschaffen werden. «Zusammengekehrtes Laub und Reisighaufen lässt man am besten an einem schattigen, witterungsgeschützten Ort liegen. Igel nisten sich dort ein und finden dann auch gleich Insekten als Nahrung.»

Michael Hotz

Schon 250 Igel in diesem Jahr gesund gepflegt

Gundetswil Rund 50 Jahre lang führte Erika Heller die Igelstation Winterthur bei sich zuhause in Seen. Dann übergab die engagierte Tierfreundin die Igelstation letztes Jahr in die Hände des Tierschutzvereins Winterthur und Umgebung, der die Station seit dem 4. Juni 2018 offiziell betreibt. 4 Mitarbeitende und zwischen 10 und 15 freiwillige Helferinnen und Helfer pflegen dort verletzte oder geschwächte Igel, um sie später wieder in die Natur zu entlassen. 20 bis 25 Tiere sind gemäss der Fachperson Yvonne Rudin aktuell in der Station im Grundstein 1 in Gundetswil untergebracht. Total rund 250 Igel waren es 2019 bis jetzt. Wird ein hilfsbedürftiger Igel gefunden oder tauchen sonstige Fragen rund ums stachlige Säugetier auf, kann man sich bei der Igelstation-Hotline unter 052 233 17 18 melden. Das Telefon wird täglich von 9 bis 11 Uhr bedient.

Michael Hotz