Arbeiten im Schacht. duf
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In dieser neuen Serie testen unsere Redaktoren spezielle Berufe und Aktivitäten in der Region.  gs
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Redaktor Fabrice Dubler macht sich ein Bild von der Kanalreinigung. duf
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TV-Operator Fabian Spichtig steuert den Roboter gewieft durch die Leitung. duf
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14.02.2019 07:30

«Kanalratte» auf Zeit: ein Morgen im Untergrund Winterthurs unterwegs

Ihr Arbeitsplatz ist nichts für Menschen mit Platzangst oder empfindlichen Nasen. Um das kilometerlange Abwassernetz sauber und intakt zu halten, gehört für die Mitarbeitenden der Stadtentwässerung der Abstieg in die Kanalisation dazu. Wir begleiteten sie.

Winterthur Ein je nach Bauart 100 Kilogramm schwerer Deckel gibt den Weg frei in den Abgrund. Diesen zur Seite zu schürgen alleine ist schon Knochenarbeit. Dann heisst es klein machen, während man an einem Seil gesichert die Leiter in den Schacht hinunterklettert. Heute stehen hier unter der Technikumstrasse, in einem der begehbaren Abschnitte des 320 Kilometer langen Abwassersystems unter der Stadt, Reinigungsarbeiten an. Es ist nur ein kleiner Teil der vielen Unterhaltsarbeiten im Leitungssystem, welches dafür sorgt, dass das Abwasser aus dem Stadtgebiet zur Kläranlage fliesst. Mit einem Hochdruckreiniger befördern zwei Mitarbeitende der Stadtentwässerung die hängengebliebenen Fäkalien, WC-Papierreste oder Damenbinden in den Kanalfluss.

Kanalisation als kleinstes Übel

Mit dabei ist auch der erste Entwässerungstechnologie-Lernende der Stadt, der seit letztem Sommer ausgebildet wird. Diese erst seit fünf Jahren existierende Lehre hat auch sein Begleiter Jean-Claude Weinig absolviert. «An den Gestank gewöhnt man sich schnell», sagt er. Und tatsächlich hält sich dieser hier in Grenzen. Und auch was hier einem so um die Stiefel fliesst, wenn irgendwo wieder ein WC gespült wird, könnte ekliger sein. «Am schlimmsten ist es, wenn wir beispielsweise durch Urinstein verstopfte WC-Anlagen reparieren oder Fettabscheider aus Restaurantküchen absaugen müssen», so Weinig. Die beissenden Dämpfe hätten dann selbst ihm schon Kopfschmerzen bereitet. Für solche Fälle gebe es aber auch Masken mit Aktivkohlefiltern.

Verlorene Zähne und Uhren

Heute ist der Wasserstand tief. Der sogenannte Regenüberlauf dementsprechend trocken. Bei starkem Regenfall leitet dieser das Abwasser in die Bäche ab, da das Kanalisationsnetz dann nicht die gesamte Abwassermenge ableiten könnte. Da dieses vermischte Schmutz- und Regenabwasser jedoch die Gewässer erheblich belastet, verfügt die Stadt über neun Regenbecken. Diese füllen sich bei grossen Regenereignissen zuerst, sodass das gröbste Schmutzabwasser zurückgehalten und nach starken Regenfällen wieder dem Entwässerungssystem zugeführt werden kann.

Ein Abstieg in die Abwasserkanäle ist aber für die Reinigung nicht immer notwendig. Am tiefsten Punkt Winterthurs beispielsweise, in der Hard, kann man die Leitungen direkt durch die Schachtöffnung auf der Strasse säubern. Am scheppernden Geräusch erkennt man die Notwendigkeit dieses Vorgangs. Kies, Schlamm oder diverse Baustellenabfälle werden hier aus der Masse gepumpt. Denn oft würden die Abwasserschächte mit einer Abfalltonne verwechselt. Doch die Kanalisation fungiert des Öfteren auch mal als Fundbüro. Und das nicht nur für heruntergefallene Schlüssel: «Einmal fischten wir sogar ein Gebiss und Armbanduhren aus dem Wasser», erinnert sich der Leiter Betrieb und Unterhalt der Stadtentwässerung, Reto Strehler.

Mit dem Roboter durch die Leitung

Über Zeitpunkt und Ort der Unterhaltsarbeiten entscheidet das Geoinformationssystem (GIS) der Stadt. Im Sechsjahresturnus werden so jedes Jahr andere Stadtteile gewartet. Bei der nächsten Inspektion eines nicht begehbaren Schachts in Töss wird deutlich, wie abwechslungsreich diese Wartungsarbeiten sein können. Da der Kanal lediglich 25 Zentimeter Durchmesser hat, wird nach einer gründlichen Spülung eine fahrbare Kamera in den Kanal geschoben. Hinter der Führerkabine des Inspektionsfahrzeugs kann TV-Operator Fabian Spichtig diese bedienen. Es braucht ein gutes Auge, um auf den Bildern Beschädigungen wie Risse oder andere Unregelmässigkeiten zu erkennen, die er sogleich im System eintragen kann. Das merke nun auch ich, als ich den TV-Fahrwagen probiere, durch die schmalen Leitungen zu steuern. Doch es macht einen Heidenspass. Eine Spielerei, die das Kind im Manne weckt. Doch es ist auch Sorgfalt geboten, hat doch die grösste der Kameras rund 35'000 Franken Wert.

Durch ihre Multifunktionalität ist sie das Herzstück dieser Inspektion. Nebst Schäden, Kalkablagerungen oder anderen Ungereimtheiten können so auch ungebetene seltene Gäste wie Ratten entdeckt werden. «Bei Reparaturen im Kanal werden die kleinen Rohre mit einem Schlauch ausgekleidet», sagt Strehler. Vorstellen kann man sich das wie den Einsatz eines Stents in Körpergefässen. Andere punktuelle Sanierungen werden ebenfalls mit Hilfe der Robotertechnik durchgeführt, nur grössere Schäden erfordern ein Aufreissen des Bodens.

Nebst den Arbeiten rund um das städtische Kanalisationsnetz bewirtschaften die 16 Mitarbeitenden des Betriebs & Unterhalts der Stadtentwässerung auch die Nassreinigung der Bushäuschen, 26 Pumpwerke, neun Regenbecken, 62 Regenüberläufe, die städtischen Liegenschaften, etwa 9000 Strassenschlammsammler sowie die öffentlichen Toiletten. Genau diese Vielseitigkeit scheint für die Angestellten den Beruf auszumachen. «Ich kann nicht immer abschätzen, was auf mich zukommt und meine Fähigkeiten auf vielen Gebieten einsetzen. Langweilig wird es also nie», sagt Weinig, bevor er sich wieder dem Bohren eines verstopften Lavabos widmet.

Fabrice Dubler