Von links: Emanuel Osterwalder, Olivia Häberli, Stephanie Kunz, Sabrina Neuner, Joël Lamprecht, Anita Joos
1/4 Von links: Emanuel Osterwalder, Olivia Häberli, Stephanie Kunz, Sabrina Neuner, Joël Lamprecht, Anita Joos
Impressionen aus dem Jahr 2018.
2/4 Impressionen aus dem Jahr 2018.
Impressionen aus dem Jahr 2018.
3/4 Impressionen aus dem Jahr 2018.
Impressionen aus dem Jahr 2018.
4/4 Impressionen aus dem Jahr 2018.
28.11.2019 07:48

Liebe für alle: Weihnachten am Bahnhof

Wenn Menschen zusammenspannen, können sie Grosses bewirken. So auch sechs Freunde aus Winterthur. Gemeinsam organisieren sie auf dem Merkurplatz in Winterthur ein Weihnachtsfest für diejenigen, die keine Familie, kein Geld oder kein Zuhause haben.

«Zu sehen, wie die Flüchtlingsfrau, der Alkoholiker, der junge Banker und der Obdachlose am Weihnachtsabend eine gemeinsame Partie Uno spielen, war ein unglaublich schönes Bild.» Olivia Häberli erinnert sich an die letztjährige, erste Aktion von «Weihnachten am Bahnhof». Gemeinsam mit fünf Freunden organisierte sie damals das Pilotprojekt. Dieses setzte zum Ziel, denen ein schönes Weihnachtsfest zu bieten, die keine Familie haben, kein Geld für ein gutes Festmenü oder obdachlos sind.

Idee zwischen Kafi und Gipfeli

Entstanden ist diese Idee vor zwei Jahren, während eines WG-Brunchs, am Tag vor Weihnachten. «Wir sprachen darüber, dass es eigentlich schön wäre, an Weihnachten jemanden zu uns in die WG einzuladen, der an diesen Tagen alleine ist», erzählt Häberli. Leider wäre dieser Einfall zu diesem Zeitpunkt zu kurzfristig gewesen. Verworfen wurde er aber dennoch nicht. «Wir waren uns sofort einig, dass wir diese Idee im nächsten Jahr vertiefen und in die Tat umsetzen möchten.»

Schnell wurde daraus eine konkretere Vision. Nicht nur jemanden in die WG einladen, sondern ein ganzes Zelt für so viele Menschen wie möglich sollte es werden. Nach getaner Recherchearbeit entdeckten die Freunde, dass es ein ähnliches Projekt, wie sie es für Winterthur angedacht haben, bereits in St.Gallen gibt. «Wir kontaktierten die Initianten von «Weihnachten am Bahnhof» in St.Gallen und schlossen uns deren bereits bestehenden Vereines an», so Häberli. «Wir konnten viel von ihnen profitieren.» Anhand von Flyern und Mund-zu-Mund-Propaganda warben sie anschliessend für ihr Projekt. Schnell kamen viele Spenden zusammen, die nötig waren für die Realisierung.

«Viele waren sehr berührt»

Aufgestellt wurde das Weihnachtszelt auf dem Winterthurer Merkurplatz. Am Abend des 22. und 23. Dezember schenkten die Initianten und Helfer warme Getränke und Suppe aus, am Heilig Abend gab es ein feierliches Festmenü. Das Angebot stiess auf regen Anklang, auch wenn dafür zu Anfang ein wenig nachgeholfen werden musste, meint Häberli: «Wir sprachen während des laufenden Projektes immer wieder Leute an, ob sie auf einen Abstecher zu uns ins Zelt kommen möchten, oder aber jemanden kennen, der sich über unser Angebot freuen würde.» Bewusst wollten sie damit nicht nur Bedürftige auf sich aufmerksam machen: «Bei uns ist jeder willkommen. Wir möchten eine schöne Mischung aus verschiedensten Menschen für unser Projekt begeistern.»

Bei einigen stiessen sie damit auf anfängliche Skepsis. Ob dieses Projekt einen religiösen Hintergrund hätte, wollten viele wissen. Verunsichert wären die angesprochenen Leute auch gewesen, weil man es sich nicht gewohnt ist, einfach so etwas geschenkt zu bekommen, meint Häberli. Die Reaktionen waren aber dennoch hauptsächlich sehr positiv, viele wären sehr berührt gewesen. Zeitweise wären rund 40 Personen im Zelt gesessen und hätten sich untereinander ausgetauscht. Der Raum für Gespräche wurde genutzt und - noch wichtiger - sehr geschätzt.

Dieses Jahr noch festlicher

An diesem Erfolg möchten die sechs Freunde nun auch in diesem Jahr anknüpfen. Vom 22. bis 24. Dezember findet «Weihnachten am Bahnhof» nun zum zweiten Mal statt. Dass die Initianten dafür selbst auf ein Weihnachtsfest mit ihrer Familie verzichten, stört sie nicht. «Letztes Jahr war meine Familie selber vor Ort und half auch mit», so Häberli.

Einige Optimierungen wurden für dieses Jahr vorgenommen. Um an Heilig Abend eine noch festlichere Atmosphäre zu schaffen, würde ein gemeinsames Liedersingen eingeplant. Wiederum wie letztes Jahr sorgt eine Band für die musikalische Umrahmung.

«Wir merkten letztes Jahr, dass in Winterthur der Bedarf da ist. Es wäre schön, würden andere Städte nachziehen, und bei ihnen ebenfalls ein solches Projekt starten», meint Häberli abschliessend. Und: «Wir sind alle privilegiert und haben doch Liebe im Übermass zu geben.»

Marina Persano