Der Mann belästigte das Mädchen über Jahre hinweg sexuell.  Symbolbild/ shutterstock
1/2 Der Mann belästigte das Mädchen über Jahre hinweg sexuell. Symbolbild/ shutterstock
Sven Gretler ist Rechtsanwalt in Straf- und Migrationsrecht in Zürich.  z.V.g
2/2 Sven Gretler ist Rechtsanwalt in Straf- und Migrationsrecht in Zürich. z.V.g
05.09.2019 08:00

Mann bleibt trotz Verurteilung wegen Kindsmissbrauch auf freiem Fuss

Ein Mann, der in der Region über Jahre hinweg ein Mädchen sexuell missbraucht hat, muss weder ins Gefängnis, noch die Schweiz verlassen. Dies dürfte einer tief eingeschätzten Rückfallgefahr liegen, sagt ein Zürcher Rechtsexperte.

Winterthur Während sechs Jahren verging sich ein Mann an einem Kind und stand letzte Woche deshalb vor Bezirksgericht Winterthur. Bei den Vorfällen berührte und massierte dieser den Intimbereich des Mädchens und missbrauchte es oral. Der Mann aus einem Schweizer Nachbarland begab sich in psychiatrische Behandlung, wurde nach seiner Festnahme mit einem Kontaktverbot belegt und sass über einen Monat in Untersuchungshaft.

Dennoch fiel seine Strafe nun milde aus: Er erhielt eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten mit Bewährungshilfe. Von einem siebenjährigen Landesverweis, wie ihn die Staatsanwaltschaft gefordert hatte, sah das Gericht ab, da er Familienvater und hier verwurzelt sei. Ein sogenannter Härtefall also. Die Staatsanwaltschaft hat gegen das Urteil bereits Berufung eingelegt. Wir konfrontierten den Zürcher Rechtsanwalt Sven Gretler, der im Straf- und Migrationsrecht tätig ist, mit dem Fall.

Herr Gretler, warum wird in einem solchen Fall keine unbedingte Freiheitsstrafe gefordert?

Sven Gretler: Das Gericht verhängt Freiheitsstrafen bis maximal zwei Jahren gemäss gesetzlicher Regelung bedingt, wenn es keine Anhaltspunkte dafür hat, dass der Täter in Zukunft erneut straffällig wird. Man darf auch nicht vergessen, dass eine bedingte Strafe nicht heisst, dass sich keine Konsequenzen für den Täter ergeben: Er muss hohe Kosten tragen und war oftmals in Untersuchungshaft, was gerade im Kanton Zürich aufgrund strikter Haftbedingungen eine sehr einschneidende Erfahrung sein kann. Für einen Ersttäter ist eine gegen ihn geführte Strafuntersuchung an und für sich häufig eine Erfahrung, die ihn vor weiteren Taten abhält. Die Statistik zeigt klar, dass dieses System in der Schweiz relativ gut funktioniert.

Reicht die Verwurzelung des Täters bereits, seine Situation als Härtefall zu erachten und von einem Landesverweis abzusehen?

Da ich nicht mit den Akten des Falls vertraut bin wäre eine spezifische Beurteilung unseriös. Allgemein gilt, dass das Gericht ausnahmsweise auf eine Landesverweisung verzichten kann, wenn diese einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde. Beispielsweise weil der Betroffene in der Schweiz geboren wurde und sein ganzes bisheriges Leben hier verbrachte. Das allein genügt jedoch nicht. Denn die privaten Interessen des Ausländers müssen schwerer wiegen als die öffentlichen Interessen an einer Landesverweisung. Ein grosses öffentliches Interesse könnte etwa eine hohe Gefahr einer erneuten, schweren Straffälligkeit sein.

Heisst das, der Täter muss sich nochmals an einem Kind vergreifen, eher er ins Gefängnis geht?

Offenbar ging das Gericht davon aus, dass der Verurteilte in Zukunft nicht mehr straffällig wird. Je nach Situation werden psychiatrische Gutachten eingeholt, in diesem Fall geschah das soweit ersichtlich nicht. Meistens kann so eine mögliche Rückfallgefahr noch besser eingeschätzt und gegebenenfalls eine Therapie angeordnet werden. Täter einfach wegzusperren, ist jedenfalls kaum erfolgsversprechend.

Interview: duf