Gaukler am Dorffest Seen
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Markus Müller
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05.12.2019 07:07

Nach dem Rücktritt des OK-Chefs ist die Seemer Dorfet bedroht

Die Winterthurer Dorffeste kämpfen nicht nur mit immer höheren Gebühren, Auflagen und weniger teilnehmenden Vereinen. Immer schwieriger gestaltet sich auch die Suche nach Organisatoren. Jüngstes Beispiel ist Seen, wo OK-Chef Markus Müller aus privaten und beruflichen Gründen zurücktreten wird, ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin aber (noch) nicht bereit steht.

Winterthur Am 28. Januar 2019 wurde anlässlich der Hauptversammlung des Vereins Seemer Dorfet der Vorstand mit Präsident Markus Müller klar bestätigt. Auch am Dorffest selbst deutete noch nichts auf dessen Rücktritt hin. Im Gegenteil, Müller präsentierte voller Tatendrang unter anderem die neue Zirkus-Allee.

Nicht machbarer Zeitaufwand

Die vierte Dorfet im Amt als OK-Chef wird jedoch seine letzte gewesen sein, Müller tritt schweren Herzens ab. «Die Suche nach Unterstützung im Vorstand für den Verein Seemer Dorfet zieht sich schon über fünf Jahre hin. Es ist heute fast unmöglich, Personen für eine ehrenamtliche Tätigkeit zu finden. In den letzten zwei Jahren nahm der Arbeitsaufwand eine Dimension an, welche meine Kapazität privat und beruflich übersteigt.», so Müller. Von aussen betrachtet naheliegend wäre eine interne Lösung gewesen – dass ein bestehendes OK-Mitglied das Präsidentenamt übernommen hätte. Markus Müller winkt ab: «Meine Vorstandskollegen sind mit ihren Aufgaben ausgelastet und können zu den bestehenden Aufgaben das Amt des Präsidenten nicht zusätzlich übernehmen.»

Immerhin bleibt der restliche Vorstand mit Debora Salzmann, Cedric Mächler, Fabian Harder und Dominik Lüthi bestehen. Mit Rolf Löffel und René Isler werden sich an der nächsten Versammlung zudem zwei Seemer für die Wahl in den Vorstand zur Verfügung stellen.

Präsidentensuche per Aufruf

Er habe seine Fühler weit ausgestreckt, um einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden. Bisher vergeblich, sagt Müller. Daher hofft er, dass sich eine Leserin oder ein Leser der «Winterthurer Zeitung» bereit erklären wird, das beliebte Fest im Dorfkern von Seen künftig zu präsidieren.

«Ein Anforderungsprofil gibt es nicht. Für diese ehrenamtliche Tätigkeit ist aber unternehmerisches Denken und lösungsorientiertes Handeln neben einem Bezug zu Seen sicherlich von Vorteil», empfiehlt Markus Müller.

Dorfet 2020 in Gefahr

Er hofft, dass innovative Projekte, wie die Zirkus-Allee mit Gauklern und Artisten des Circolino Pipistrello oder die Suche nach dem «Seemer-Dorfet-Champion» auch ohne ihn fortgesetzt werden können, wenn denn bis zur Hauptversammlung im kommenden Januar ein Präsident oder eine Präsidentin gefunden würde: «Die Generalversammlung muss schlussendlich darüber befinden, wie es weiter geht. Aber wenn sich nicht rechtzeitig ein neuer Präsident finden lässt, ist es möglich, dass die 25. Seemer Dorfet nicht im Jahr 2020 stattfinden wird.»

Eine Leistungsvereinbarung soll den finanziellen Druck nehmen

Eines möchte Markus Müller in seiner verbleibenden Amtszeit aber noch über die Bühne bringen – die geplante Leistungsvereinbarung mit der Stadt. «Nach diversen Sitzungen mit Vertretern der Stadtregierung standen die Vertreter der Tössemer und der Seemer Dorfet im Februar 2019 kurz vor einer unterschriftsreifen Leistungsvereinbarung. Leider warten wir seitens Stadtregierung seither auf eine Zusage und einen Termin, um die hoffentlich finale Leistungsvereinbarung zum Abschluss zu bringen», sagt Müller. Auf den Abschluss der Leistungsvereinbarung wird neben Seen und Töss auch in Wülflingen gehofft, wie OK-Chef Christian Brunner bestätigt: «Eine Dorfet zu organisieren, wurde in den letzten Jahren immer schwieriger. Der administrative Aufwand ist ebenso stark angestiegen, wie die Kosten. Ich erhoffe mir aber, die Situation mit dem Abschluss einer Leistungsvereinbarung mit der Stadt Winterthur in den Griff zu bekommen. Entsprechende Verhandlungen laufen zurzeit. Es hat sich dabei aber herausgestellt, dass dies nicht so einfach ist. Jede Dorfet ist individuell und wir in Wülflingen können auf ein gutes Einvernehmen mit Anwohnenden und der Bevölkerung zählen. Keine Selbstverständlichkeit, welche nur mit viel Aufwand und Goodwill erreicht wurde.» Christian Brunners mittelfristiges Ziel ist, vor seiner Amtsübergabe für seinen Nachfolger «reinen Tisch» zu machen und bis dahin alle Unklarheiten beseitigt zu haben.

Schuld ist die Konsumgesellschaft

Mit Nachfolgeproblemen schlagen sich aber auch die Wülflinger herum. «Nicht nur das Amt des Präsidenten ist schwer zu besetzen. Ich bin auch etwas auf der Suche. Es muss aber auch eine Person sein, welche in den Vorstand passt und über ein entsprechendes Netzwerk verfügt. Es vereinfacht die Tätigkeit des Präsidenten.» Brunner sieht den Grund für das schwierige Eruieren von tatkräftigen Helfern in der heutigen Konsumgesellschaft: «Es ist wie in den Vereinen auch – es will niemand mehr freiwillig arbeiten.» Eine Tatsache, welche vielen Organisationen und Vereinen zu schaffen macht und auch künftig die eine oder andere Dorfet in ihrer Existenz bedrohen dürfte.

George Stutz