Schon öfter mussten Stadtgrün-Mitarbeiter diesen Sommer einen Baum fällen, so auch eine morsche Birke im Stadtpark. Foto: Fabrice Dubler
1/1 Schon öfter mussten Stadtgrün-Mitarbeiter diesen Sommer einen Baum fällen, so auch eine morsche Birke im Stadtpark. Foto: Fabrice Dubler
08.08.2019 08:00

«Viele Bäume sind gestresst»

Den Winterthurer Bäumen geht es ziemlich schlecht. Die lange Trockenperiode im Sommer 2018 und der Borkenkäfer machen ihnen zu schaffen. Weil dieses Problem nicht nur hierzulande besteht, sind die Holzpreise stark gesunken.

Winterthur Es ist ein eher ungewohntes Bild. Mitarbeiter von Stadtgrün müssen aktuell öfter ausrücken, um einen abgestorbenen oder befallenen Baum zu fällen. Normalerweise sind Baumfällungen klassische Winterarbeit. Aber in diesem Sommer müssen 20 bis 30 Bäume aus Sicherheitsgründen entfernt werden, wie Stadtgrün-Leiter Beat Kunz schätzt. «Viele Bäume sind gestresst», sagt er. Speziell Buchen seien gefährdet.

Die Hauptursache dafür ist gemäss Kunz die langanhaltende Trockenperiode im letzten Sommer. «Einige Bäume sind vertrocknet und bereits abgestorben», führt der Stadtgrün-Leiter aus. Ein Teufelskreislauf: «Ohne genügend Wasser kann ein Baum keine Photosynthese mehr machen. Er leidet an Trockenheit und letztlich an Nährstoffmangel.» Ein solcher Baum wird immer schwächer, bis er am Ende abstirbt.

Laufende Kontrollen

Speziell gefährdet sind Bäume, die in der Stadt und nicht im Wald stehen. Sie sind der Hitze besonders stark ausgesetzt. «Dazu ist der Boden um diese Bäume komprimiert, weil oft Menschen an ihnen vorbeigehen», erklärt Kunz. Seine Mitarbeitenden seien deshalb laufend an Kontrollen dran. «Bäume, die die Sicherheit gefährden, müssen so schnell wie möglich gefällt werden. Das duldet keinen Aufschub, denn jetzt im Sommer bewegen sich die viel Menschen draussen.»

Katastrophale Holzpreise

Beat Kunz spricht deshalb «zweifellos von einer Extremsituation», die aktuell herrsche. Die Bäume im Wald haben nämlich auch mit dem Borkenkäfer zu kämpfen. Im vergangenen Sommer und im Herbst habe man bereits viele Bäume fällen müssen, um gegen den Schädling vorzugehen. «Dank diesem Vorgehen konnten wir die Schäden, die nun zusätzlich aufgetreten wären, eindämmen.»

Dass Stadtgrün überproportional viele Bäume beseitigen muss, schlägt sich auch in den Finanzbüchern nieder. Denn nicht nur in Winterthur, sondern generell in der Schweiz und in ganz Nordeuropa sind aktuell viele Baumfällungen nötig, was zu sehr viel Holz auf dem Markt führt. Zusätzlich sorgte in Italien ein Unwetter im letzten Oktober für Millionen von zerstörten Bäumen. «Die Preise sind katastrophal tief », kommentiert Kunz die Situation. Normalerweise bringe ein Kubikmeter Fichte zwischen 90 und 110 Franken ein, jetzt liege der Preis bei 30 bis 40 Franken.

Andauernder Prozess

Um einen Wald zu stärken, soll dieser möglichst strukturreich sein. Das ist gemäss Kunz ein Prozess, der bereits in den 1970er-Jahren eingesetzt hat. «Damals hat man erkannt, dass der Nadelbaumanteil, der über 70 Prozent ausgemacht hat, reduziert werden muss.» Fichten und Weisstannen sind zwar gute Bauholzlieferanten, aber stammen eigentlich aus den Voralpen und sind zudem Wirtsbäume für den Borkenkäfer. Nun würden Nadelbäume noch knapp die Hälfte der Bäume im Stadtwald ausmachen, so Kunz. Ein Kulturwechsel braucht aber Zeit. Eine Fichte wird 100 bis 130 Jahre alt, bis sie geerntet wird.

Die Bevölkerung muss sich laut Kunz darauf einstellen, dass sich die Wälder schneller verändern als sie es von früher kennt. Die Gefahr, der Wald könnte ganz verschwinden, wie schon in den 1980er-Jahren aufgrund des damaligen Waldsterbens befürchtet wurde, besteht für ihn jedoch nicht.

Michael Hotz