Zum richtigen Zeitpunkt mit der entsprechenden Pedalentechnik in den passenden Gang schalten, will gelernt sein.
1/2 Zum richtigen Zeitpunkt mit der entsprechenden Pedalentechnik in den passenden Gang schalten, will gelernt sein.
Verkehrsexperte Ruedi Gurtnert.
2/2 Verkehrsexperte Ruedi Gurtnert.
14.02.2019 07:01

Wenn das Nichtbeherrschen des Fahrzeuges toleriert wird

Seit 1. Februar unterscheiden sich die Autolenker nicht mehr in jene, die nur Fahrzeuge mit Automatikgetriebe fahren dürfen und solchen, die auch handgeschaltete Autos fahren dürfen. Für die einen eine zukunftsgerichtete Vereinfachung, für andere eine unnötige, bisweilen sicherheitsgefährdende Änderung.

Winterthur Viele ehemalige Winterthurer Fahrschüler mögen sich noch mit Ehrfurcht an den Stop an der steilen Tössertobelstrasse, Einmündung Rychenbergstrasse, erinnern. Das Berganfahren hat manch einem oder einer Lernenden den einen oder anderen Schweisstropfen und die eine oder andere zusätzliche Fahrstunde gekostet. Wer bei der späteren Fahrzeugauswahl frei in der Entscheidung sein wollte, ob ein Auto mit Handschaltung oder Automatikgetriebe. nahm dies in Kauf.

Auf den 1. Februar hin wurde dem politisch entgegengewirkt. Seither dürfen Fahrschüler ihre Prüfungen auf Automaten absolvieren, danach trotzdem handgeschaltete Fahrzeuge lenken. Gleiches gilt auch für all jene, die bis anhin im Führerausweis den Automateneintrag hatten. Auch sie können diesen löschen lassen und sind danach frei in der Getriebeauswahl. Die Ausnahme sind einzig noch jene Lenker, die aus medizinischen Gründen nur Autos ohne Kupplung fahren können und dürfen. Die neue Regelung ist mitunter auf die Zukunft mit primär elektrisch angetriebenen Autos ausgelegt. Was eine Vereinfachung für insbesondere Junglenker ist, stösst bei einigen Fahrexperten auf wenig Gegenliebe. Sie befürchten, dass es zu mehr Unfällen kommen könnte.

Kritik von Fahrlehrern

Die «Winterthurer Zeitung» wollte von Ruedi Gurtner, Verkehrsexperte bei Driving Park unter anderem wissen, ob die Fahrschullehrer nicht ganz einfach davon ausgehen müssen, dass die Schüler auf Automaten in der Regel schneller prüfungsreif sind und somit die eine oder andere Fahrstunde entfallen könnte?

«Diese Aussage dürfte zutreffen. Da die Bedienung eines Automatik-Fahrzeuges einfacher ist und demzufolge weniger Fahrlektionen benötigt, rechnen wir klar mit einem Rückgang der Lektionen. Aber – nicht die Anzahl der Fahrstunden ist letztlich entscheidend für die Prüfungsreife, sondern eine persönliche individuelle Ausbildung.», so Gurtner. Allgemein stuft der Verkehrsexperte die neue Regelung als zeitgemäss ein. Probleme bereiten einigen Fahrschulen jedoch die kurze Übergangszeit seit der bundesrätlichen Verfügung am 14.12. 2018 bis zur Inkrafttretung am 1. Februar, denn diverse Fahrschulen hätten erst vor kurzem neue, geschaltete Fahrzeuge angeschafft, so Gurtner. Er kritisiert zudem: «Die Regelung, den Ausweis mit dem Code 78 (Automat) einfach, ohne Instruktionen und Kenntnis eines mechanischen Getriebes umschreiben zu können, ist grobfahrlässig. Es wäre hilfreich gewesen, eine Regelung zusammen mit den Fahrlehrern zu finden.»

Für eine Analyse noch zu früh

Ob derweil bereits erste Prüflinge von ursprünglich handgeschalteten Autos auf Automaten gewechselt haben oder für die Löschung der Automatenbescheinigung ein Run auf die Strassenverkehrsämter einsetzen wird, kann Severin Toberer, Sprecher des Strassenverkehrsamt Kanton Zürich, noch nicht sagen: «Einen Ansturm erwarten wir nicht, dass sich künftig Prüfungsanmeldungen verlagern werden, ist aber denkbar.» Im Gegensatz zu den Verkehrsexperten erwartet er auch im Alltagsverkehr keine gravierenden Veränderungen aufgrund der neuen Regelung.

Kaum Versicherungsabstriche

Ähnlich gelassen gehen auch Versicherer, wie die Axa, mit der neuen Regelung um. «Da das Lenken eines handgeschalteten Motorfahrzeugs durch Inhaber einer Fahrberechtigung für Fahrzeuge mit Automatikgetriebe seit Februar gesetzlich erlaubt ist, stellt dies kein Verschulden dar», schreibt Anna Ehrensperger von der Medienstelle der Axa in einer Stellungnahme. Sie bezieht sich auf die Frage, ob bei einem Blechschaden, der auf eine Fehlmanipulation der Kupplung zurückzuführen ist, beispielsweise die Haftpflicht- oder Vollkaskoleistungen gekürzt werden könnten. Die neue Regelung dürfte auch in der Automobilbranche kaum grosse Verschiebungen bringen, wie Daniel Schaller von der Hutter Auto Gruppe sagt: «Ich glaube nicht, dass dies zu einer merklichen Änderung führen wird bei den Privatkunden. Anders sehe ich es bei der Zielgruppe Fahrlehrer und Fahrlehrerinnen. Diese müssen heute in der Lage, sein beide Antriebsarten anbieten zu können. Wir spüren hier bereits mehr Nachfragen auf Automatikgetriebe und erfreulicherweise auch auf Elektrofahrzeuge, welche es ja nur mit Automat gibt.»

Autovermieter reagiert

Denn Sinn der neuen Regelung etwas hinterfragt auch Autovermietungsunternehmer Daniel Hochreutener: «Von mir aus hätte man es belassen können, wie es war.» Sie hätten bereits einige Transporter mit Automatikgetriebe im Fuhrpark, in Zukunft würde bei Fahrzeugbestellungen aufgrund der neuen Ausgangslage in erster Linie diese Getriebeart berücksichtigt, so Hochreutener: «Auch wenn Automatikgetriebe rund 60 bis 70 Kilogramm schwerer sind, als die handgeschalteten und daher bei den 3,5-Tönnern das bereits knappe erlaubte Zuladungsgewicht noch weiter sinkt.» Dass einzig auf Automaten ausgebildete Lenker auf Ihren Mietautos erstmals eine Kupplung betätigen und den richtigen Gang einlegen sollten, löst bei Daniel Hochreutener ein etwas mulmiges Gefühl aus: «Wir können es uns schlicht nicht leisten, pro Jahr vier bis fünf Fahrzeuge mit Getriebeschaden zu notieren, auch deshalb werden wir bemüht sein, den entsprechenden Mietern nach Möglichkeit einen Transporter mit Automatikgetriebe zur Verfügung zu stellen.»

George Stutz