Warnt die Passanten vor den Scientology-Ständen in Winterthur: Thomas Oetjen. duf
1/1 Warnt die Passanten vor den Scientology-Ständen in Winterthur: Thomas Oetjen. duf
10.10.2019 07:15

Winterthurer kämpft gegen Propaganda von Scientology

In Winterthur regt sich gegen die Infoaktionen der Scientology-Bewegung Widerstand. Auch ein Winterthurer setzt sich als Aktivist gegen den Mitgliederfang ein. Verbieten lasse sich die umstrittene Sekte aber nicht, heisst es bei der Stadt.

Winterthur Man erblickt ihn schon fast alle zwei Wochen in der Altstadt: den Informationsstand der Scientology-Bewegung (siehe Box Seite 3). 26 Mal warben die Scientologen im 2018 in Winterthur. Auch dieses Jahr dürfte man an diese Präsenz herankommen, da die Standaktion etwa alle zwei Wochen im Belegungskalender der Stadtpolizei Winterthur zu finden ist. Nur ist der Scientology-Stand, meist beim Untertor oder Kasinoplatz zu finden, nicht als solcher gekennzeichnet. In St.Gallen oder Wil präsentieren sich die Scientologen etwa unter Organisationsnamen wie Narconon, «Sag nein zu Drogen» oder «Jugend für Menschenrechte». In Winterthur tritt die Religionsgemeinschaft hingegen unter dem Namen «Dianetics» auf.

Und genau das stört die sogenannte «freie Anti-Scientology-Bewegung», eine Gruppierung, die sich schweizweit gegen die Aktionen der umstrittenen Bewegung einsetzt. Mit dabei ist auch der Winterthurer Thomas Oetjen. «Uns geht es nicht prinzipiell darum, Scientology anzuprangern. Viele Passanten, die am als Dianetics getarnten Stand angesprochen und mit Infomaterial versorgt werden, wissen jedoch nicht, dass es sich dabei um die Scientology-Kirche Zürich handelt.»

Aufklärend und gewaltfrei

Während dessen Präsenz in der Altstadt steht Oetjen deshalb mit einem Warnschild in unmittelbarer Nähe des Stands, fängt angesprochene Passanten ab und klärt diese auf. Abgesehen hätten es die Scientologen vor allem auf Personen in schwierigen Lebenssituationen, Teenager oder auch Menschen mit Migrationshintergrund. Auch ein Bekannter des Winterthurers sei einst in den Fängen der Organisation gewesen, weshalb er über deren Vorgehensweisen bestens Bescheid wisse. «Sie versprechen einem die Lösung aller Probleme und ein besseres Leben. Doch diese Versprechen werden nie eingelöst. Das Leben meines Bekannten war zerstört, er nicht mehr arbeitsfähig und um ein Vermögen ärmer.»

Deshalb sei es wichtig, auf die Gefahren dieser Organisation aufmerksam zu machen. «Viele begreifen die Verbindung zur Pseudo-Religion von Scientology erst, wenn wir sie aufklären und werfen dann das Infomaterial wieder weg», sagt Oetjen. Aktiv die Gespräche zu stören, tue man aber nicht. «Wir wurden auch schon gefragt, warum wir die Stände nicht sabotieren. Uns ist es aber wichtig, ohne Gewalt, Provokationen oder Aggressionen über die Hintergründe der Organisation aufzuklären», sagt Oetjen. Obwohl es vonseiten der Scientologen immer wieder zu Anfeindungen komme, seien die Aufklärungsaktionen in Winterthur bisher friedlich verlaufen. Das bestätigt auch die Stadtpolizei Winterthur. Laut Stapo-Sprecher Adrian Feubli handeln die Anti-SC-Aktivisten im legalen Bereich, solange sie den Informationsstand nicht stören.

Keine rechtliche Grundlage

Die Stadtpolizei ist es auch, welche die Dianetics-Stände bewilligt. Feubli sagt dazu: «Entscheidend für uns ist, ob eine Institution in der Schweiz verboten ist oder nicht. Für Scientology trifft dies nicht zu.» Obwohl die Scientology-Propaganda beispielsweise in Frauenfeld gerade wegen ihrer Kontroverse keine Bewilligung erhalten würde, sieht die Stadt Winterthur davon ab. «Ob umstritten oder nicht spielt für uns im Sinne der freien Meinungsäusserung keine Rolle», so Feubli weiter. Bei bewilligten Standaktionen dürften zudem Produkte abgegeben und verkauft werden; jedoch nur am Stand selber.

Yolanda Sandoval-Künzi, welche die Aktionen der Freien Anti-SC-Aktivisten organisiert, akzeptiert zwar, dass ein Verbot unrealistisch ist. «Wir hätten uns aber zumindest eine Limitierung der Standaktionen von Scientology gewünscht. Vor allem, dass Tarnorganisationen überhaupt erlaubt sind, ist doch sehr fraglich», sagt Sandoval-Künzi. Denn der Ärger in der Stadt über die Präsenz sei gross. Auch bedauert sie, dass «Kirchenorganisationen» in gewissen Städten keine Bücher oder Tonträger abgeben dürfen, in anderen (so auch in Winterthur) jedoch schon.

Erste Erfolge erreicht

Auch Aktivist Oetjen bemängelt, dass sich die Stadt Winterthur nicht Frauenfeld als Vorbild nimmt und den Scientologen durch strengere Auflagen Steine in den Weg legt. «Die Meinungsfreiheit gilt für alle und gibt ihnen selbstverständlich das Recht.

Wir machen jedoch auch von unserer Meinungsfreiheit Gebrauch, indem wir mit unserer Präsenz Gegensteuer geben.» Da er zudem bereits zahlreiche Passanten von einer möglichen Mitgliedschaft abgehalten habe, glaube er fest an die Wirkung seines Tuns. «Ich erhalte immer wieder viele positive Feedbacks von Passanten, die sich für unseren Einsatz bedanken.» In St.Gallen sei die Präsenz der Religionsgemeinschaft bereits stark zurückgegangen. Und auch in Winterthur gehe man davon aus, dass Scientology dank der Aktion etwa 60 Prozent weniger Menschen erreiche. Und vielleicht in Winterthur bald aufgibt.

Strafanzeigen eingereicht

Jürg Stettler, Sprecher von Scientology Schweiz, verurteilt die Intervention der Aktivisten: «Diese Aktionen sind unserer Meinung nach religiöser Rassismus und pure Diskriminierung.» Laut Stettler habe in anderen Städten die Polizei bereits mehrmals intervenieren müssen, weil es zu Auseinandersetzungen gekommen sei. Er habe diverse Strafanzeigen eingereicht. Zudem wisse man heutzutage, dass Dianetik und Scientology zusammengehören würden.

«Am Stand ist auch leicht ersichtlich, dass es sich um einen Stand der Scientology-Kirche handelt», so Stettler. Er glaube nicht, dass die Anzahl Neumitglieder aufgrund der Aktionen zurückgehen werde. Im Gegenteil: «Dank den Aktivisten ist das Interesse an unseren Ständen gestiegen», so der Scientology-Sprecher.

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Interview mit Sektenexpertin Susanne Schaaf

Frau Schaaf, Scientology wird vielerorts als eigene Religion angesehen. Wie ist die Regelung in der Schweiz?

In der Schweiz sind Scientology und die Unterorganisationen als Vereine organisiert. Die Gruppe bezeichnet sich selbst als Religion, Kritiker bezeichnen sie als sekten-haft. Diese Kategorien schliessen sich nicht aus: Religiöse Elemente und wirtschaftliche Interessen können durchaus sektenhaft umgesetzt werden. Gemäss Aussagen von informierten Aussteigern gibt es in der Schweiz rund 800 aktive Scientolog(inn)en. Die Organisation stagniert, obwohl sie in vielen Gemeinden mit Standaktionen präsent ist.

Warum agiert die Organisation mit anderen Namen?

Scientology ist in der Gesellschaft als umstritten bekannt, viele ehemalige Mitglieder berichten in Büchern und Filmen über die Missstände. Die Unterorganisationen sind weniger bekannt. So stösst Scientology bei den Passanten nicht gleich auf Ablehnung. Die Unterorganisationen sind in sozialen und gesundheitlichen Bereichen aktiv, um die scientologische Vorstellung einer «besseren Welt» zu transportieren.

Wie gelingt es Scientology trotz allgegenwärtiger Kritik neue Mitglieder anzuwerben?

Wer informiert ist, wird sich kaum auf die Organisation einlassen. Es gibt aber immer wieder Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die auf die scientologische Zuwendung ansprechen und den Versprechungen Glauben schenken. Menschen mit Migrationshintergrund, die kein Konzept von Sekten haben und nicht gut Deutsch sprechen, können auch auf die Anwerbung hereinfallen. Scientology selbst argumentiert ja, dass die negative Berichterstattung nur auf wenige Kritiker zurückzuführen sei, die ein einseitiges Bild prägen.

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