Eine vollkommen neue Welt kennengelernt: Die Winterthurer Thomas Zahnd (l.) und Nicolas Haelg haben zusammen mit Samuel Stalder (nicht auf dem Bild) die erste Jobbörse der Schweiz für die LGBTI-Gemeinschaft lanciert. Foto: Michael Hotz
1/1 Eine vollkommen neue Welt kennengelernt: Die Winterthurer Thomas Zahnd (l.) und Nicolas Haelg haben zusammen mit Samuel Stalder (nicht auf dem Bild) die erste Jobbörse der Schweiz für die LGBTI-Gemeinschaft lanciert. Foto: Michael Hotz
30.01.2020 08:00

Winterthurer lancieren schweizweit erste Jobbörse für LGBTI-Gemeinschaft

Lesben, Schwule, Tansgender und andere nichtheterosexuelle Menschen haben es nicht leicht bei der Jobsuche. Drei Freischaffende aus Winterthur haben nun eine Jobbörse für diese Gemeinschaft erstellt, die seit Mitte Monat online ist.

Winterthur Für alle drei war es Neuland. Nicolas Haelg (31), Thomas Zahnd (33) und Samuel Stalder (37), die allesamt heterosexuell sind, haben Mitte Januar die erste Schweizer LGBTI-Jobbörse lanciert. «Wir mussten uns zuerst mit der Community auseinandersetzen», sagt Haelg. Schnell war für die drei Winterthurer klar: Die Gemeinschaft der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen wünscht sich so ein Angebot. Dies hätten Gespräche mit verschiedenen Organisationen wie etwa Wybernet und Transgender Network Switzerland und die Teilnahme an diversen Anlässen ergeben, so Haelg. «Wir haben eine komplett neue Welt kennengelernt, in die wir herzlich aufgenommen worden sind.» Das Ziel der Jobbörse sei, eine Brücke zwischen Arbeitgebenden und der LGBTI-Community zu schlagen, Unsicherheiten auf beiden Seiten zu verringern und mit allen Beteiligten einen Schritt gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz zu gehen. Thomas Zahnd betont: «Menschen aus der LGBTI-Community werden leider immer noch benachteiligt. Uns wurden tragische Geschichten von Mobbing am Arbeitsplatz wegen der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erzählt. Eine Person wurde nach ihrem Coming Out einfach entlassen.»

Nachfrage besteht seitens Firmen

Auf Interesse stösst eine LGBTI-Jobbörse auch auf Arbeitgeberseite. Samuel Stalder, der seit rund drei Jahren work50.ch, eine Jobbörse für die Generation 50plus, betreibt, wurde von Unternehmen mehrfach auf eine solche Plattform angesprochen. «Er hat dann gesehen, dass Thomas und ich eine Online-Marketing-Agentur haben. Er ist deshalb mit der Idee auf uns zugekommen», sagt Haelg. Ein Beispiel also, wie der Austausch in einem geteilten Büro zu neuen Projekten führen kann. Denn Haelg und Zahnd sind mit ihrer Agentur wie Stalder mit seiner Jobbörse für Menschen über 50 im Co-Working Atelierlokal Lagerplatz eingemietet.

«pink washing» verhindern

Die LGBTI-Jobbörse funktioniert so wie andere Arbeitsstellen-Plattformen auch. Unternehmen können gegen Bezahlung ein Inserat auf der Webseite schalten. Aktuell haben 18 Firmen total 32 Jobs ausgeschrieben. Es sind vor allem Grossunternehmen und Behörden, die die drei Jobbörse-Gründer als Partner gewinnen konnten. Dazu gehören etwa Ikea, der Spital Bülach, die Bundesverwaltung und die Tibits AG. «Diese Firmen haben aufgrund ihrer Ressourcen schon eine Personalabteilung, die für Anliegen der LGBTI-Gemeinschaft etwas sensibilisiert und geschult ist. Wir hoffen aber, dass in Zukunft auch KMU aus möglichst vielen Branchen bei uns Stellen ausschreiben», sagt Zahnd. Es gelte aber zu verhindern, dass Unternehmen kein sogenanntes «pink washing» betreiben, also nicht aus reinen marketingstrategischen Überlegungen auf der neuen Plattform inserieren.

Arbeitsuchende können sich gratis auf der Jobbörse registrieren und den Lebenslauf aufschalten – wenn gewünscht, auch ohne Angabe des Geschlechts. Über eine Filtersuche finden sie dann jene ausgeschriebenen Stellen, die auf sie zugeschnitten sind. So werden etwa Unternehmen gekennzeichnet, die mit dem Label «transsensibilisiert» ausgezeichnet sind. Zusätzliche Erweiterungen, um die Jobbörse noch mehr auf die Bedürfnisse der Community abzustimmen, sind aktuell in Planung. Dafür arbeiten die drei Winterthurer mit verschiedenen Organisationen zusammen.

Nur positive Reaktionen erhalten

Obwohl ihre Jobbörse erst einige Tage online ist, haben die drei Pioniere schon viele Reaktionen erhalten – ausschliesslich positive, wie sie betonen. «Das Feedback zeigt aber auch, dass es eine solche Jobbörse braucht», sagt Haelg. «Eigentlich wäre es schöner, wenn es keine Diskriminierung wegen sexueller Orientierung oder Geschlechteridentität gäbe und unsere Jobbörse überflüssig wäre.»

Michael Hotz