Lukas Rahm und Noé Schelldorfer, im Hintergrund Antoinette Pfister
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Gisel Biel
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19.03.2020 07:00

«Wir helfen Senioren nicht nur des Trinkgeldes wegen»

Die beiden Wülflinger Sekundarschüler Noé Schelldorfer und Lukas Rahm nutzen die aufgrund der Corono-Massnahmen schulfreie Zeit für ein Solidaritätsprojekt zugunsten der älteren Bevölkerung. Seit Montag gehen sie für all jene einkaufen, die in der schwierigen Zeit lieber in den eigenen vier Wänden bleiben wollen.

Winterthur «Das war ein ziemlich spontaner Einfall aufgrund der jetzigen Situation», erzählt der 15-jährige Schüler der dritten Sekundarschule im Heiligberg, Lukas Rahm. Zusammen mit seinem Freund, dem 16-jährigen Drittsekundarschüler der Freien Schule, Noé Schelldorfer, hätten sie zwar schon länger einmal die Idee gehabt, einen Service für ältere oder betagte Menschen aufzuziehen, «weil», wie Noé Schelldorfer sagt, «ich schon seit längerem oftmals Besorgungen für mein Grosi mache und ich immer dachte, dass auch andere Senioren darüber froh wären.»

250 Flyers gezielt verteilt

Kurz nachdem die beiden Wülflinger am letzten Freitag in die «Schulferien» entlassen wurden, hatten sie sich getroffen und einen ersten Entwurf eines Flyers am Computer skizziert. Am Samstag hatten sie das grüne Informationsblatt fertig kreiert und rund 250 Mal kopiert. Am Samstag teilten sich die beiden temporären Jungunternehmer auf und verteilten die sympathische Eigenwerbung vorab in Wülflinger Briefkästen. «Dabei gingen wir ziemlich gezielt vor und berücksichtigten vor allem Alterssiedlungen.» In einer solchen an der Weststrasse wohnt auch Antoinette Pfister. Als sie den grünen Zettel in ihrem Briefkasten fand, war sie sofort begeistert, wie sie erzählt: «Dass die jungen Leute sich mit uns gerade jetzt, in einer doch schwierigen Zeit, so solidarisch zeigen, finde ich super.» Die 77-Jährige hatte für Lukas und Noé denn auch gleich einen Sonderauftrag, zumal an ihrem Drucker die Tinte ausgegangen war.

Erster herausfordernder Auftrag

«Ich habe kein gutes Gefühl, wenn mein Partner zurzeit auch nur Lebensmittel einkaufen geht und schon gar nicht, wenn er betreffs der Druckerpatrone mit dem Bus hätte in die Stadt fahren sollen», so Antoinette Pfister. Also nahm sie den grünen Flyer zur Hand und wählte die angegebene Telefonnummer. Kurze Zeit später erschienen die beiden Schüler an der Haustüre der Seniorin. «Sie haben sich super verhalten und mich mit genügend Abstand angesprochen», erzählt sie. Sogleich sind die beiden Teenager per Fahrrad, Mofa und der leeren Druckerpatrone losgefahren. Fündig wurden sie schliesslich erst im Einkaufszentrum Rosenberg. «Glücklicherweise hatte uns Frau Pfister genügend Geld mitgegeben, so mussten wir nur einmal den Berg hinauf», lacht Noé Schelldorfer. Vorerst erledigen sie die Aufträge jeweils zu zweit, «bis sich das Ganze etwas eingespielt hat. Sollten die Aufträge zunehmen, teilen wir uns auf oder hätten auch schon einen zusätzlichen Helfer, der uns unterstützen könnte.» Auch betreffend Distanz halten und die Hygiene kontrollieren sie sich gegenseitig und sind auch stets mit einem Desinfektionsfläschen unterwegs: «Zum Schutz unserer Kunden, aber auch zu unserem, waschen wir, wo immer möglich, die Hände.»

Vor allem bei grösseren Aufträgen sind Lukas und Noé um Vorauszahlungen froh. «Auch diesbezüglich sind wir eingerichtet und haben stets unsere Ausweise dabei, sodass wir den Leuten wo nötig eine Sicherheit für ihr Geld geben können», wie Lukas Rahm betont. Er und sein Kumpel haben sichtlich Spass an ihrem gut angelaufenen Kleinunternehmen. Beide lachen und erklären übereinstimmend, dass sie neben den Einkaufstouren von ihren Lehrern auch noch Heimarbeit erhalten werden. «Selbstverständlich erledigen wir das auferlegte ‹Homeoffice› auch und müssen dann eben unsere Kundschaft um eine Stunde oder zwei vertrösten», sagen sie. Für Antoinette Pfister kein Grund, den Service der beiden jungen Männer fortan nicht regelmässig zu beanspruchen, denn: «Wenn ich etwas mit der Heimbring-Dienstleistung der Migros bestelle, komme ich im Moment erst mal in eine sehr langatmige Warteschlaufe und erhalte die bestellte Ware im schlimmsten Fall erst in ein paar Tagen, da bestelle ich fortan lieber bei Noé und Lukas.» Die beiden freut es, denn neben dem guten Gefühl, der Generation Grosi und Grossvater einen willkommenen Dienst anzubieten, schaut auch noch etwas Sackgeld heraus. «Wir tun es zwar nicht primär aus diesem Grund, aber natürlich ist es schön, wenn uns die Leute damit zeigen, dass wir unseren ersten Job gut machen», sagt Lukas Rahm und Noé Schelldorfer ergänzt: «Wenn ich dann damit irgendwann etwas für mein Töffli kaufen kann, ist das natürlich ein schöner Nebeneffekt.»

Telefonieren gegen das Alleinsein

Neben den beiden Jugendlichen aus Wülflingen bieten auch weitere Privatpersonen, Institutionen oder auch Online-Plattformen ihre Solidarität primär gegenüber der älteren Generation an. Die Winterthurerin Gisela Biel-Korthals lanciert einen Telefon-Pool, «für eingesperrte Senioren, die keinen Kontakt mehr zur Aussenwelt haben», wie sie sagt. Per Mail können sich bei ihr Seniorinnen und Senioren anmelden, ihre Telefonnummer hinterlassen und angeben, wann sie zeitlich für Anrufe empfänglich sind. «Ich sammle die Telefonnummern und gebe sie dann entsprechend weiter. Ziel ist, dass die Senioren sodann heute mit dieser Person, morgen einer anderen Unbekannten über Gott, die Welt und was sie gerade beschäftigen, reden können. Wir nennen uns beim Vornamen, so können alle selbst über die Anonymität entscheiden.» Sie sei gespannt, ob ihre Idee Anklang finde und freue sich über jedes Mail, sagt die Telefon-Pool-Initiantin Gisela Biel-Korthals.

George Stutz

 

Kontakte zu den beiden Angeboten

Einkaufshilfe Lukas und Noé

077 457 84 48

Anmeldung für Telefon-Pool

senioren.allein@gmail.com