Fünf Bläser begrüssen die Jäger am Morgen. Foto: Michael Hotz
1/4 Fünf Bläser begrüssen die Jäger am Morgen. Foto: Michael Hotz
Urs J. Philipp instruiert die Treiber. Foto: Michael Hotz
2/4 Urs J. Philipp instruiert die Treiber. Foto: Michael Hotz
Beim ersten Trieb wurden vier Füchse geschossen. Foto: Michael Hotz
3/4 Beim ersten Trieb wurden vier Füchse geschossen. Foto: Michael Hotz
Aufseher bei der Arbeit: Urs J. Philipp beendet mit einem Hornstoss die Jagd. Foto: Michael Hotz
4/4 Aufseher bei der Arbeit: Urs J. Philipp beendet mit einem Hornstoss die Jagd. Foto: Michael Hotz
07.11.2019 08:00

«Wir Jäger haben Tiere gern»

Im Herbst werden in den hiesigen Jagdrevieren sogenannte Bewegungsjagden durchgeführt. Die «Winterthurer Zeitung» hat eine im Revier Rickenbach begleitet. Den Jägern geht es um mehr, als bloss um das Schiessen.

Rickenbach Urs J. Philipp wirkt etwas unzufrieden. «Es ist ruhig. Das habe ich mir schon gedacht», sagt er leicht enttäuscht. Seit gut einer Stunde läuft im Wald Auholz im Jagdrevier Rickenbach eine sogenannte Bewegungsjagd. Dabei beziehen Jägerinnen und Jäger an einem fixen Standort Position. Freiwillige streifen auf einer Linie in ungefähr gleichem Abstand durch einen Waldabschnitt und versuchen, Wildtiere aufzuscheuchen. In der Jagdsprache werden diese Personen Treiber genannt. Aber: Der letzte Schuss ist schon etwas her.

Dabei hat die erste von zwei Herbstjagden letzten Dienstag ziemlich spektakulär begonnen. Wenige Minuten nachdem Philipp, der als einer der drei Pächter im Rickenbacher Jagdrevier die Aufsicht innehat, mit dem Anblasen die Jagd gestartet hat, huscht ein Rehkitz durchs Gestrüpp. Die elf Treiber geben Anweisungen, wohin sich das Jungtier bewegt. Die vier mitgebrachten Hunde folgen dem flüchtenden Kitz. Keiner der 13 Jäger erwischt es. Wenig später fällt doch der erste Schuss. Zwei Hornstösse verkünden, um welches Tier es sich handelt: Ein Fuchs ist geschossen worden.

Instruktionen vor dem Start

Aber drehen wir die Zeit ein wenig zurück: Vor dem Start des ersten Triebs im «Auholz» kurz vor 9 Uhr versammeln sich alle Involvierten bei der Jagdhütte. Man unterhält sich über die anstehende Jagd und tauscht sonstige Neuigkeiten aus. Dann ruft Pächter Philipp, der gleichzeitig Abteilungsleiter der kantonalen Fischerei- & Jagdverwaltung und somit höchster Zürcher Jäger ist, die Treiber und Jäger zusammen, um die letzten Instruktionen zu verkünden. Die Treiber weist er an, auch ins Dickhicht reinzugehen. «Dort hocken die Tiere.» Und zu den Jägern: «Bleibt auf euren Ständen und seid vorsichtig.»

Die Anwesenden hören aufmerksam zu, obwohl sie die Vorschriften und ihre Aufgaben kennen. Die meisten sind schon länger dabei, werden seit Jahren aus den umliegenden Jagdrevieren als Gäste an die Bewegungsjagden eingeladen. Die wenigen Neuen hat Max Wiesendanger, Pächter und Bevollmächtigter, in seiner kurzen Begrüssungsrede persönlich willkommen geheissen. Sein Kollege Philipp ist mit der Vorbereitung zufrieden: «Wir überlassen nichts dem Zufall. Im Vergleich zur Zeit vor 20 Jahren, als ich hier mit dem Jagen begonnen habe, werden die Bewegungsjagden viel besser organisiert.»

Zehn Rehe müssen noch fallen

Und nun zurück in den Wald Auholz: Aufseher Philipp beobachtet die Treiber, wie sie sich durch Brombeersträucher kämpfen und dabei immer miteinander kommunizieren. Er ist mit ihnen zufrieden: «Sie machen einen guten Job.» Dennoch wird der erfahrene Mann, der einer Bündner Jägerfamilie entstammt, etwas ungeduldig. «Wo bleiben die Rehe?», sagt er teils sich selber, teils den Wald fragend. «Wir brauchen noch rund zehn Tiere bis zur minimalen Abgangsquote an Rehwild», begründet er seine leichte Ungeduld. Die Quote wird jährlich jeder Zürcher Jagdgesellschaft vorgegeben. Sie basiert auf der langjährigen Abgangsstatistik, den jährlichen Bestandeserhebungen der einzelnen Jagdgesellschaften und den standardisierten Taxationen der Fischerei- und Jagdverwaltung. «So können wir die Populationen der Wildtiere stabil halten», erklärt Philipp. Ein natürliches Gleichgewicht an Waldtieren kann sich nicht mehr einstellen. Zu einschneidend sind die Eingriffe der Menschen in den Lebensraum der Tiere.

Das wirkt sich auch auf den Aufgabenbereich von Jägern aus, wie Philipp anmerkt: «Jeder von uns leistet rund 350 bis 400 Stunden jährlich für Revierarbeiten.» Dazu gehören etwa Einsätze, wenn ein Tier auf der Strasse angefahren wird. Jagen in der heutigen Zeit bedeute, sich nachhaltig für Lebensräume, Artenvielfalt und Schadensverhütung einzusetzen und dabei die ökologischen und wirtschaftlichen Aspekte aus Landwirtschaft und Forst zu berücksichtigen. Deshalb bezeichnet Philipp das Jagen nicht mehr unbedingt als Hobby. Der Aufwand gleiche mehr einer unentgeltlichen 20-Prozent-Stelle. Wenn er sich jedoch bei Jägern umhöre, warum sie diesem «Job» dennoch nachgehen würden, bekomme er meistens die gleiche Antwort: «Wir Jäger haben Tiere gern und wollen einen Beitrag an die Natur und die Gesellschaft leisten.»

Doch noch Rehe erwischt

Rund zwei Stunden dauert der morgendliche Trieb im Wald Auholz. Kurz vor 11 Uhr versammeln sich Jäger und Treiber, nachdem Philipp den ersten Trieb offiziell mit einem Hornlaut beendet hat. Sechs Schüsse sind abgefeuert worden, vier Füchse fielen den Kugeln zum Opfer. Rehe sind keine dabei. «Beim nächsten Trieb klappt es sicher», gibt sich Philipp hoffnungsvoll. Und tatsächlich: Am Abend, nach drei Trieben, hatten die Jäger sechs Füchse und zwei Rehe auf der Strecke.

Michael Hotz