Die Stadt als virtuelles Ereignis: Am HB Zürich vermisst Johannes Rebsamen vom ETH-Spin-Off Scanvision für ein audiovisuelles 3D-Modell die Umgebung.
Bild: Scanvision
1/1 Die Stadt als virtuelles Ereignis: Am HB Zürich vermisst Johannes Rebsamen vom ETH-Spin-Off Scanvision für ein audiovisuelles 3D-Modell die Umgebung. Bild: Scanvision
23.05.2019 12:59

Wissenschaft trifft Unternehmergeist

Willkommen in der Schweizer Start-up-Welt! Für eigene junge Unternehmen verlassen Forschende den Elfenbeinturm gerne. Weshalb die Hochschulen die Gründer mittlerweile aktiv unterstützen.

Stimmengewirr, Tassengeklapper, plötzlich eine Durchsage: Geht es um meinen Zug? Nein! Also weiter: Von der Bahnhofshalle des Zürcher HB in seine trubelige Welt unter Tage. Decken und Wände lösen sich in winzige Punkte auf, um den Blick freizugeben auf das, was dahinter liegt. Ich stehe im Zürcher Landesmuseum in der Ausstellung «Einfach Zürich». Einer ihrer Höhepunkte: Das audiovisuelle 3D-Modell der Stadt. Die Kamera fliegt durch Strassen, Gebäude und Landschaften. Vermessungstechnik trifft hier auf Entertainment, Kunst auf Wissenschaft. Matthias Vollmer und Johannes Rebsamen, wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Landschaftsarchitektur der ETH Zürich, haben das hochpräzise Stadtmodell mit Wow-Effekt erschaffen. Die beiden sind Co-Gründer des ETH-Spin-offs Scanvision. Mit ihrem Unternehmen wollen sie einem Laienpublikum Orte nahebringen. Die Forschenden sind während ihrer Arbeit an der ETH mit der Technologie Laserscanning in Berührung gekommen, mit deren Hilfe Landschaften, Gebäude oder ganze Städte hochpräzise in 3D vermessen und in einem digitalen Modell dargestellt werden können. Über das Scanvision-Modell im Landesmuseum sagt Matthias Vollmer: «Unser Modell hat einen hohen Informationsgehalt und gleichzeitig eine emotionale Wirkung.»

Information heiratet Emotion

Für die Zukunft planen er und Johannes Rebsamen, der Bevölkerung auch Bauprojekte mit Hilfe von Laserscanning-Techniken zu vermitteln, um so auch ein Gefühl für die Veränderung zu erzeugen, auf die sich die Bevölkerung einstellen muss. 2018 war Scanvision eines von 27 neu gegründeten Spin-offs der ETH Zürich. Seit 1996 gibt es offizielle ETH-Spin-offs und seit über zehn Jahren auch ein Spin-off-Label, mit dem sich junge Unternehmen schmücken dürfen, die auf Technologie aus der ETH Zürich basieren, von denen ein Gründer oder eine Gründerin aus der Hochschule kommt und deren Business-Plan überzeugt. Seit 1996 sind 407 ETH-Spin-offs entstanden, das macht durchschnittlich 18,5 neue Unternehmen im Jahr. Die Hochschule ist schweizweit besonders bekannt für ihre vielen Ausgründungen und sie fördert die Spin-off-Gründungen aktiv: Es gibt eine Spin-off-Beratungsstelle, das Pioneer Fellowship

Grant, das «Innovation and Entrepreneurship Lab», eine Professur für Entrepreneurship und viele Kurse sowie Businessplan-Wettbewerbe, um nur einen Ausschnitt aus dem Angebot zu nennen. Weshalb aber setzt sich die ETH derart für Spin-off-Gründer ein? Marjan Kraak, Leiterin der Spin-off-Gruppe sagt dazu: «Die ETH Zürich hat drei Hauptaufgaben: Lehre, Forschung und den Technologietransfer in die Gesellschaft. Und Spin-off-Unternehmen bieten eine ideale Möglichkeit, Technologien erfolgreich in die Gesellschaft zu bringen.»

Attraktiv für jüngere Professoren

Als die Hochschule in den 1990er Jahren begann, Spin-offs zu unterstützen, war solch ein Engagement in der Schweiz noch nicht weit verbreitet. Heute gehört die Beratung und Förderung von Gründern aus den eigenen Reihen ins feste Angebot der Schweizer Universitäten. Die Organisation Unitectra ist seit 1999 zuständig für den Technologietransfer der Universitäten Bern und Zürich und seit 2011 für den der Uni Basel – und damit auch für deren Spin-offs. Adrian Sigrist, stellvertretender Geschäftsführer von Unitectra, bemerkt, dass die Gründung von Spin-offs immer wichtiger wird: «In den 1990er Jahren war es etwa im Life-Sciences-Bereich eher möglich, dass ein Pharmaunternehmen eine Frühphasentechnologie übernommen hat», sagt er. «Heute ist der klassische Weg, dass die Technologie zunächst in einem Spin-off weiterentwickelt wird.» Schweizer Universitäten müssen sich heutzutage nach Ansicht von Adrian Sigrist auch deshalb für die Förderung von Spin-offs einsetzen, um im Wettbewerb um ihr Wunsch-Personal zu bestehen: «Ich hatte schon Besuch von Professoren, die noch in Verhandlung mit der Uni standen und von mir wissen wollten, wie der Technologietransfer abläuft. Das sind vor allem jüngere Professoren, die zum Beispiel in den USA geforscht haben», sagt er. Die nächsten Spin-off-Gründungen kommen bestimmt. Ob sie so spannend sein werden wie die Gründungen des vergangenen Jahres? 2018 entstand an der ETH Zürich neben dem Spin-off Scanvision zum Beispiel «RosieReality». Das Unternehmen hat eine App entwickelt, mit deren Hilfe Kinder ans Programmieren herangeführt werden. Und OxyPrem, ein gemeinsames Spin-off der Universität und der ETH Zürich, hat ein medizinisches Gerät entwickelt, das den Sauerstoffgehalt im Gehirn von Frühchen misst.

Das Geld fliesst anderswo reichlicher

Die Technologietransfer-Organisation Switt führt jährlich Befragungen an 12 Schweizer Universitäten, 8 Fachhochschulen und 3 Forschungsinstituten durch. Die Spin-off Gründungen haben sich an den befragten Einrichtungen von insgesamt 39 im Jahr 2008 auf 74 im Jahr 2016 gesteigert. Doch die Zahlen zeigen, dass andere Bereiche für den Technologietransfer immer wichtiger sind. So haben die Forschungseinrichtungen 2016 laut der Befragung 343 Patente angemeldet, 251 Lizenz- und Optionsverträge mit Unternehmen über neue Technologien geschlossen und 659 Erfindungen gemeldet.

Eva Mell

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